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Sound Infections Lieblingsalben 2015: Top 5 im Hip-Hop

Spezifizierung: Deutscher Hip-Hop. Denn auch wenn POL1Z1STENS0HN Jan Böhmermann in diesem Jahr den deutschen Gangster-Rap rasiert hat und damit einige peinliche Reaktionen in der vermeintlichen Genre-Elite hervorrufen konnte, gab es dennoch genügend Releases, die die Ehre des deutschsprachigen Sprechgesangs retten konnten. Vielleicht weil sich diese nicht zu ernst nehmen und trotzdem etwas zu sagen haben. Knapp vorbei geschlittert an den Top 5 sind der zukünftige Tatort-Kommissar Fatoni mit seinem Kunstwerk Yo, Picasso, der sympathischste Rapper Österreichs Gerard mit seiner Neuen Welt, Niveau Weshalb Warum von Deichkind und Alligatoahs vertonte Resignation Musik ist keine Lösung.

5. MoTripMama

motrip-mama-coverAuf seinem zweiten Album zeigt MoTrip neben seiner markanten Stimme und seinem außergewöhnlichen Flow besonders textlich enorme Stärken. Wo es viele Rapper nicht schaffen, emotionale Lyrics ohne Kitsch zu schreiben, ist das für Trip kein Problem. So sind einige Songs auf dem 16-Track-starken Album wie So wie du bist, Malcolm Mittendrin und Selbstlos ruhig, aber keinesfalls weinerlich geworden. Noch besser ist der gebürtige Libanese allerdings, wenn es zur Sache geht. David gegen Goliath, Trip und Wie ein Dealer sind abwechslungsreiche Rap-Unterhaltung mit Tiefgang und gleichzeitigem Zähnefletschen. Highlight des Albums: der grandios verpackte Countdown im Pre-Chorus von Mathematik.

Anspieltipps: Mathematik, Trip, Kaltes Wasser

4. Antilopen GangAbwasser

antilopen_gang_-_abwasser_2015Jap, ein Mixtape, das als Free-Download angeboten wird, schafft es in die Top 5. Nach einem ereignisreichen Jahr samt Gewinn des New Music Awards, einem Konzert für Flüchtlinge in Freital und umjubelten Shows zum Aversion-Album haben die Antilopen nämlich mit ihrem Abwasser-Mixtape ihre eigene Latte in schwindelerregende Höhen gelegt (hier geht’s zur vollständigen Rezension). Changierend zwischen unmissverständlichen Ansagen, entwaffnender Ironie und schüchternem Understatement zerstören Koljah, Panik Panzer und Danger Dan besorgte Bürger, Battle-Rapper und Mitläufer. Und auch wenn sie sich durch Eiter und Sekret kämpfen mussten, die Reise durch das Abwasser hat sich gelohnt. Ergebnis ist ein kostenloses Kleinod, das die meisten 17,99€-Platten locker in den Schatten stellt.

Anspieltipps: Neoliberale Subkultur, DIE KYNGS SIND BACK!!!1, Leben eines Rappers

3. Die OrsonsWhat’s goes

die-orsons-whats-goes-coverAn die Orsons geht auf jeden Fall der Award für den dümmsten Albumtitel. Dahinter versteckt sich aber eine überragende Scheibe, auf der die Schwaben einfach machen, was sie wollen. Frei nach dem Günther-Öttinger-Sample „Everybody does as he pleases in What’s goes zeigen Maeckes, Bartek, Kaas und Tua in jedem Part ihre individuellen Stärken, ohne aber ihren Status als Boyband-des-deutschen-Hip-Hop zu vernachlässigen. Unkonventionell und innovativ rappen die Jungs über Heuböden, feuerrote Kleider und Ventilatoren und verbinden ihre sprachliche Herkunft vom Ländle mit einem internationalen Sound. Besonders Tua muss dabei gelobt werden, der neben seinen starken Rap-Parts eben auch für die detailverliebten Beats und deren unfassbar fette Produktion verantwortlich ist. Die Blödeltruppe hat immer noch Flausen im Kopf, verpackt diese nun aber in ein brachiales Soundkleid und noch ausgefeiltere Texte. Spaß auf höchstem Niveau.

Anspieltipps: Ventilator, Grün, Papa Willi und der Zeitgeist

2. ChefketNachtmensch

chefket-nachtmensch-album-coverDer Chef hat es dieses Jahr mit Nachtmensch (hier die komplette Review) geschafft, die vielleicht homogenste Platte auf den Markt zu bringen. Vom ersten Song Rap & Soul bis zum letzten Takt von Immer mehr stellt sich das Album als geschlossene Einheit dar, ohne dabei in substanzloses Hintergrund-Gedudel zu verfallen. Jeder Track ist stark, gemeinsam sind sie noch stärker. Getragen wird das gute Stück von Chefkets lässiger Vielseitigkeit. Auch anstrengende Rap-Parts lässt er unheimlich einfach und entspannt klingen und singen kann der Junge ja auch noch. Nachtmensch ist ein großes Werk und Chefket ein intelligenter, smoother MC, der sich in Sachen Flow und Lyrics vor wirklich niemandem verstecken muss. Glücklichster Rapper eben.

Anspieltipps: Rap & Soul, Kater, Wir

1. K.I.Z.Hurra die Welt geht unter

k.i.z_hurra_die_welt_geht_unter_album_coverUnd dann gibt es ja noch K.I.Z. Über Hurra die Welt geht unter muss man nicht mehr viel sagen oder schreiben (haben wir ja auch schon). Für die Kannibalen in Zivil, die ja schon eine beachtliche und treue Fangemeinde hinter sich hatten, war dieses Jahr nochmal ein Schritt in Richtung Musik-Olymp. Wer ihren grenzenlosen Zynismus früher noch als Bösartigkeit, Sexismus oder gar Rassismus verstanden hat, hat mit der neuen Platte die Gelegenheit bekommen, einen anderen Zugang zu den Jungs finden zu können. Sie nehmen immer noch kein Blatt vor den Mund, verstecken aber nicht mehr alles hinter einer undurchdringlichen und verwirrenden Maske der Ironie, sondern sprechen auch mal unverblümt die Dinge an wie in Boom Boom Boom. Momentan muss K.I.Z. die Realität nicht überspitzt darstellen, es reicht, genau zu beobachten und Missstände anzusprechen. Und darin sind K.I.Z. die Größten.

Anspieltipps: Hurra die Welt geht unter, Geld, Verrückt nach dir

(Marinus Seeleitner)