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Sound aus der Untergrund-Passage: Die Urban Soundscape Competition in Sapporo – Juli 2014

Wir kommen aus einem Park. Eher zufällig betreten wir eine schachbrettartige Fläche aus Betonplatten und staunen: Bei jedem Schritt auf eines der Quadrate erzeugen wir nämlich einen anderen Ton. Mit den Füßen können wir nun ein eigenes Musikstück improvisieren – mehrstimmig oder auch einstimmig mit „Rhythmusgruppe“. Durch Tanzen kann ich, wenn ich mich auf die schwingende Fläche eingelassen habe, also gleichzeitig „meinen“ Tanz spontan und simultan komponieren.  Wir setzen uns auf eine Parkbank. Es ist nämlich interessant zu hören, welche merkwürdigen Zusammen-Klänge sich ergeben, wenn Passanten den Platz ohne Absicht, ihn zu manipulieren, einfach überqueren.

SIAF 2014 Logo

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Die Installation am Park geht auf Ulrich Eller zurück, der sie als erster in Kyoto erprobte. Wie andere beruht sie auf der Erkenntnis, dass Städte ihren eigenen unverwechselbaren Klang besitzen, der wieder ins Bewusstsein geholt werden soll. Denn oft wurde ohne Rücksicht alles mit Verkehrs- und Industrielärm zugemüllt. Architekten, Künstler und Akustikdesigner sehen sich heute weltweit zu soundscape-Aktionen veranlasst, die das ändern sollen. Dabei zählen Amsterdam, Stockholm, Berlin, Paris und New York zu den Zentren, in denen große Plätze, wenn nicht sogar ganze Stadtteile akustisch neu ausgerichtet wurden. Beim Gang durch die Straßen werden an bestimmten Stationen vorbeiflanierenden Besuchern unterschiedliche Hörerlebnisse geboten. Ein Platz kann durch Springbrunnen, wo nötig auch durch das digital generierte Rauschen eines Bergbachs beschallt werden. Im Industriegebiet sind andere Geräusche vorstellbar, vielleicht Musik von schwingenden Wellblechen?

Der Bambuswald von Sagano, Kyoto - einer der 100 soundscapes japanweit Quelle: Wikimedia, Foto: Mytho88

Der Bambuswald von Sagano, Kyoto – einer der 100 soundscapes japanweit Quelle: Wikimedia, Foto: Mytho88

In diesem Jahr widmet sich ein bedeutendes Festival solchen soundscapes: Am 19. Juli wird der diesjährige Gewinner der internationalen Urban Soundscape Competition im Rahmen des Creative City Sapporo International Art Festival (SIAF) bekannt gegeben. Laut Kommiteeangaben werden zur Eröffnung im Eingangsbereich des Informationszentrums ebenso wie im Kunstmuseum von Sapporo Soundfiles von Lautsprechern in der Decke übertragen. Beim Begehen des Ekimae-dori Underground Walkway über eine Distanz von 520 Metern zwischen den beiden Stationen Odori und Sapporo sollen die von überall angereisten Gäste wieder von anderen Klängen eingefangen werden.

An der Spitze der Jury, die den Preisträger am 19. Juli ermitteln wird, steht als Schirmherr und Meisterkomponist von soundscapes Ryuichi Sakamoto. Er gibt auf die Art der zu hörenden Klänge schon einen Fingerzeig: Es wird ein Sound-Logo ähnlich dem sein, wie es auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle von Aéroports de Paris (ADP) verwendet wird:

Die Frist für Bewerber mit eigenen Soundfiles, egal ob Profi oder Amateur, war auf den 31.3. terminiert, der Countdown zur Entscheidung läuft also – wir dürfen gespannt sein. Wer vom Thema soundscape gefesselt ist oder beruflich damit zu tun hat, ist herzlich eingeladen, muss allerdings bedenken, dass ein Ticket mit Flug und Rückflug nicht umsonst ist. Aber es gibt ja auch die Möglichkeit, die Events im Web zu verfolgen und zu erleben, welcher Künstler schließlich das Rennen macht …

Dass der Wettbewerb gerade in Japan initiiert wurde, ist kein Zufall: Hier existiert weltweit ohne Beispiel ein Schutzprogramm für 100 verschiedene, über das ganze Land verteilte soundscapes. Dazu zählen höchst unterschiedliche Orte und Eindrücke: der Strand von Okhotsk in der Provinz Hokkaido, die Rufe der Möwen von Hachinohe, die singenden Frösche vom Fluss Hirose, das Rauschen eines Bambuswalds in Kyoto, das Glockenläuten der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Hakodate oder die Eisa-Trommler von Yonashiro …

SIAF 2014 - Homepage

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Website SIAF 2014
Whitescape Sound komponiert von Ryuichi Sakamoto

(Hanns-Peter Mederer)

 

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