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Scar Symmetry Interview: Das Ende der Welt, volle Blasen und die Spice Girls

Beinah hätte er mich vergessen – mit zwanzigminütiger Verspätung meldete sich Per Nilsson, Gitarrist von SCAR SYMMETRY direkt aus dem Studio bei mir, von Hektik und Stress jedoch keine Spur. Redselig und mit einer saftigen Ladung Humor sprach der geniale Schwede über sein neues Riesenprojekt „The Singularity“, einen dreiteiligen Albenzyklus, dessen erster Teil bei uns am 3.Oktober in den Regalen steht. Und vor netten Diskussionen über die Spice Girls, South Park und peinliche Bühnenerlebnisse schreckte er ebenfalls nicht zurück.

Sound Infection: Euer neues Album „The Singularity (Phase I – Neohumanity)“ markiert den Anfang einer Trilogie, bei der ihr euch wirklich etwas Bombastisches vorgenommen habt. Möchtest du kurz zum Einstieg erklären, welche komplexe Geschichte ihr mit den Alben erzählt?

Bei weitem nicht so düster wie er aussieht: Per Nilsson von Scar Symmetry (Foto: Erik Larsson)

Bei weitem nicht so düster wie er aussieht: Per Nilsson von Scar Symmetry (Foto: Erik Larsson)

Per Nilsson: Das erste Album beschäftigt sich mit der Zukunft der Menschheit und dem, was innerhalb der nächsten Dekaden passieren könnte. Hauptsächlich in Bezug auf die Technik, die entwickelt werden wird und die Leute beeinflusst. Wir werden anfangen künstliche Intelligenzen zu züchten, jeder wird den Kram haben wollen, weil es natürlich revolutionär und genial ist. Man wird in der Lage sein, nicht nur behinderten Menschen neue, funktionstüchtige Körperteile zu bauen, sondern auch den eigenen Verstand abspeichern können. Leute werden zu Androiden und es wird eine völlig neue Generation des technischen Fortschritts geben, doch irgendwann können die Computer, wenn wir sie nur lange genug hochgezüchtet haben, so intelligent sein, dass sie sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind und sich auf eigene Faust weiterentwickeln, bis sie mit den Menschen gleichgestellt sind, Rechte bekommen, etc. Aber natürlich entstehen dadurch Aufstände, denn nicht jeder möchte diesen Fortschritt unterstützen und nicht jeder besitzt das Geld für diese geniale Technik, und am Ende kommen natürlich Waffenkonflikte zu Stande. Am Ende des Albums haben wir dann einen „Technocalyptic Cybergeddon“. Im Prinzip stellen wir auf dieser CD erst einmal die positiven Seiten des technischen Fortschritts dar und zeigen, wie begeistert die Menschheit davon ist, bevor sich das Blatt wendet.

Das Interessante daran ist, dass ihr die Geschichte nicht in fünfhundert Jahren spielen lasst, sondern du von den kommenden Jahrzehnten sprichst. Auf dem Album ist, glaube ich, sogar die Rede von 2045. Denkst du, dass die Cyberapokalypse uns wirklich so bald heimsucht?

Ich weiß nicht, es gibt viele Wissenschaftler, die es nicht für unmöglich halten. Denn was auf uns zukommt, ist der größte Sprung im technologischen Fortschritt, den die Menschheit jemals gemacht hat. Vielleicht wird es nicht so extrem, wie wir es auf unserem Album beschreiben, aber dennoch ist es ein enormer Schritt, der viele Schwierigkeiten mit sich bringt.

Treibt dich demnach echte Angst und Sorge um die Zukunft in deinem Schreiben voran oder bleibt es eher ein Science-Fiction-Konzept, das ihr ausgearbeitet habt?

Als Hendrik, unser Haupt-Liedtextschreiber, mit der Idee ankam, war ich mir nicht ganz sicher, woher genau seine Inspiration kam, aber eine davon war auf jeden Fall Ray Kurzweil, der viele Bücher über das Thema geschrieben hat, darunter auch „The Singularity Is Near“, was uns stark inspirierte. Allerdings sind seine Bücher wirklich wissenschaftlich fundiert, unsere Geschichte ist da mehr fiktional.

Progressiver Melodic Death aus Schweden: Scar Symmetry (Foto: Erik Larsson)

Progressiver Melodic Death aus Schweden: Scar Symmetry (Foto: Erik Larsson)

Besonders den Aspekt, dass Maschinen das menschliche Gehirn manipulieren könnten, fand ich spannend. Wenn du zukünftig in der Lage wärst, all deine negativen Erinnerungen per Knopfdruck auszulöschen, würdest du davon Gebrauch machen?

Ich denke nicht. Das wäre so seltsam. Immer, wenn dir Schlechtes widerfährt, wächst du ja daran und wirst stärker, denn gerade die negativen Dinge machen einen riesigen Teil deiner Persönlichkeit aus. Andererseits wäre es vielleicht eine Chance für Missbrauchsopfer, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, indem sie ihre Traumata löschen, aber für mich selbst käme das nicht in Frage, ich lebe in der Gegenwart und möchte mich nicht über Situationen aufregen, die zehn Jahre zurückliegen.

Aber dennoch hat ja jeder Mensch eine Unzahl an peinlichen Erlebnissen, die er gern verdrängen würde. Wie schaffst du es persönlich, diese auszublenden oder – noch besser – mit ihnen umzugehen?

Nun, viele der Dinge, die wir als peinlich erleben, sind ja genau genommen Verletzungen unseres Egos. Und die können nur passieren, wenn man sich an sein Ego klammert, denn sobald man loslässt, hat man nicht mehr das Gefühl, dass Dinge peinlich sind. Vor ein paar Jahren spielten wir eine Show im UK auf dem Bloodstock und das erste Mal in meinem Leben musste ich vor 10.000 Leuten die Bühne verlassen, um pinkeln zu gehen! Ich hatte einen derben Hangover, weil wir am Abend zuvor auf einem anderen Festival waren und dort gut gebechert hatten, sodass ich an dem Tag selbst literweise Wasser in mich reingekippt habe. Und obwohl ich vor der Show schon unzählige Male auf dem Klo war, passierte es dennoch, dass wir kaum ein paar Songs gespielt hatten und mir schon wieder die Blase drückte. Ich merkte nur „Verdammt, das schaffe ich niemals durch die ganze Show!“, sodass ich drei Songs lang nur auf der Stelle stand ohne mich zu rühren, aber irgendwann brach mir der eiskalte Schweiß aus und es schmerzte unerträglich. Also hatte ich zwei Möglichkeiten: Ich pinkle mir als Headliner der zweitgrößten Bühne des Festivals in die Hosen oder ich renne zum Klo. Also hetzte ich los, aber die Toilette war irgendwo in der Pampa, sodass ich ewig unterwegs war und Lars auf der Bühne nur verkünden hörte „Tja, Per musste pinkeln!“, das Publikum jubelte.
Sicher war das alles peinlich, aber was hätte ich tun sollen, ich bin einfach zurück auf die Bühne gegangen, habe einen Knicks gemacht und jedem seinen Spaß gelassen und dann weitergespielt. Solche Sachen passieren einfach. In Bulgarien habe ich mich auch mal auf die Schnauze gelegt und meinen Hintern versehentlich richtig schön in die Kamera gehalten, sodass jeder ihn auf der Großleinwand sehen konnte, aber ach, mein Gott!

"The Singularity (Phase I - Neohumanity)" erscheitn am 3.Oktober über Nuclear Blast

“The Singularity (Phase I – Neohumanity)” erscheitn am 3.Oktober über Nuclear Blast

Genau solche Sachen machen eine Band doch sympathisch und die Performance wirkt natürlicher… Wenn man dich, wie in eurem Album beschrieben, einfrieren und in vierhundert Jahren wieder auftauen würde, was wäre das Erste, das du tätest?

Wow… das ist schwierig. Vermutlich bräuchte ich jemanden, der mich herumführt, sicherlich hat sich ALLES verändert. Auf unserem Album beschäftigen wir uns ja auch sehr mit der technologischen Singularität, hast du davon schon einmal gehört? Es geht darum, dass in den kommenden Jahrzehnten eine enorme Steigerung der Intelligenz möglich ist, dadurch, dass Menschen das Wissen von Computern nutzen, welches ja fast unerschöpflich ist. Und wenn Computer erst einmal herausgefunden haben, wie sie sich selbst weiterentwickeln können, wird es schnell passieren, dass sie unendlich intelligenter sind als Menschen und somit unkontrollierbar. Sie werden sich immer weiter steigern und das innerhalb kürzester Zeit, deswegen wird wohl bereits in 100 Jahren alles anders sein. Deshalb, wenn man mich in zweihundert Jahren auftaut, würde ich wohl erst einmal in den Bus Richtung Mars steigen! Oder Paralleluniversen besuchen!

Haha, da muss ich an diese South Park Episode denken, wo Cartman sich einfriert, nur um in der Zukunft endlich die Nintendo Wii auszuprobieren – kennst du die Folge?

Ja, ich liebe South Park! Wenn wir jemals ein weiteres Konzeptalbum machen, dann über South Park, ich werde es „Die Cartman Chronicles“ nennen!

Ist das ein Versprechen?! Okay, völlig anderes Thema: In einem Interview vor einigen Jahren hast du mal erzählt, dass deine Freundin und du versuchen, wo viele Spice Girls Songs wie nur möglich zu singen, wenn euch langweilig ist. Demnach, was ist dein liebster Spice Girls Song?

(Foto: Erik Larsson)

(Foto: Erik Larsson)

Oh, schwer zu sagen… mir fällt der Name nicht ein… du weißt schon… [singt] „If you wanna be my lover… di di di…“ – was für ein cooler Song!

Und welches war als Kind dein allererster Lieblingssong? Ich meine nicht, welche CD du dir als Teenie gekauft hast, sondern das erste Lied, das du als kleines Kind vielleicht mal im Radio gehört hast und sofort liebtest.

Als ich 8 oder 9 war, hörte ich gern die Popsachen aus Schweden, die dir aber vermutlich nichts sagen werden. Kindermusik natürlich auch. Am liebsten bin ich aber durch die Plattensammlung meiner Eltern gegangen und hörte die Beatles oder die Rolling Stones, all dieser Kram aus den 60ern. Bis mein älterer Bruder mich mit den härteren Gangarten bekannt machte…

Super – ich danke dir für deine Zeit, Per und hoffe, dass ihr bald wieder einen Abstecher nach Deutschland macht!

Hoffe ich auch – momentan ist unser Zeitplan noch sehr eng, aber wir hoffen, dass es für die Sommerfestivals 2015 klappt!

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