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Metaldays 2015: Idylle in Schwermetall – Pt.1: Die Party

Klatsch! Ein mit dem kalten Wasser der Soča gefüllter Luftballon zerschellt an meinem Rücken. Der Schütze ist ein Spanier, der hinter mir am Ufer des slowenischen Gebirgsflusses steht. Geradezu diabolisch lacht der Iberer, ich pruste, als mir das gefühlt null Grad kalte Nass durch die Ritze läuft und unter mir in der Kiesbank versickert. Doch sein Lachen wird zum Wimmern, als ich mit meiner Wasserkanone meinen Kontrahenten mit einem Schwall eindecke, der kleinere Waldbrände hätte löschen können. Wir einigen uns auf Unentschieden und trinken im Schatten Bier miteinander. Vom Hügel her dröhnt Heavy Metal auf uns und die anderen Aberhundert Schwarzröcke hernieder, die sich vom Fluss Abkühlung von den 38 Grad Lufttemperatur erhoffen. Das alles mag surreal anmuten, doch Schwermetall verbindet nicht nur Menschen, sondern offenbar auch Völker.

Der Metalhead in seinem Element (Foto: thomas Mendle)

Der Metalhead in seinem Element (Foto: Thomas Mendle)

Das Szenario, das sich mir auf den Metaldays 2015 bietet, gehört zum Surrealsten – aber auch zum Genialsten, das ich je erlebt habe. Das Festival in Tolmin in den slowenischen Alpen zog wieder rund 10.000 Metalheads aus ganz Europa, ja gar aus der ganzen Welt an. Ich treffe Menschen aus Slowenien, Österreich, Schweiz, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Holland, England, Schottland, Wales, Polen, Tschechien, Ungarn, Griechenland, Kroatien, den USA, Australien, Neuseeland, Kanada und Brasilien.
Doch was den Fünf-Tages-Event tatsächlich von der großen Heerschar anderer Festivals unterscheidet, ist seine wohl einzigartige Location. Eingebettet zwischen hohen Bergen, im Zusammenfluss zweier Gebirgsflüsse, liegt das Festivalgelände. Und der wahre Headliner ist jedes Jahr der selbe, von allen begeistert gefeierte Star des Open Airs: Der Fluss Soča, der seinen Ursprung hoch in den Alpen findet und mit klapperkaltem Wasser wahrlich für Abkühlung sorgt.

Tages des Einhorns in Tolmin (Foto: Thomas Mendle)

Tages des Einhorns in Tolmin (Foto: Thomas Mendle)

Als meine Kumpels nahen, verabschiede ich mich von Raul, dem Spanier, und hechte in meine Luftmatratze. Denn der Weg ist noch weit, Gott sei Dank haben meine Freunde ausreichend Flüssigproviant mitgebracht, um die gut eineinhalb Stunden lange Drift die Soča hinab zur Beach Bar unterhalb des Festivalgeländes wohlgemut zu überstehen. An dem aufblasbaren Getier, auf dem wir den Bach hinunterschippern, hätte Charles Darwin sicher seinen Spaß gehabt: Mutantenspinnen, Drachen, Einhörner, Riesenkrebse, Großmaulfrösche, alle beritten von mindestens einem Schwermetaller.
„Den haben wir schon so aus dem Irrenhaus mitgenommen“, stellen mir einige Franzosen unter schallendem Gelächter ihren Kumpel vor. Der nämlich dümpelt von oben bis unten vollständig in quietschrosa-farbenen Hello-Kitty-Schwimmreifen und -flügel gehüllt fast regungslos auf dem Wasser – und wird einzig vom vorausfahrenden Schlauchboot auf Kurs gehalten. Eine gute Seele verabreicht ihm immerhin hin und wieder einen Schluck Dosenbier. Es ist ein skurriler, trockener Humor, den Metalheads so pflegen, aber davon haben sie eine Menge!

Free Hugs bei den Metaldays (Foto: Sandra Baumgartl)

Free Hugs bei den Metaldays (Foto: Sandra Baumgartl)

Wir treiben vorbei an schneeweißen (ohne T-Shirt) und tiefschwarzen (mit T-Shirt) Zeitgenossen, die samt ihren Faltstühlen und Grills im Wasser sitzen, sich dem Easy Living hingeben und zum Metaller-Gruß die Faust mit gespreiztem Zeige- und kleinem Finger in die Luft recken, als wir im großen Pulk unseres Weges durch die Hügel und Wälder treiben.
Der Ausstieg am Zufluss der noch deutlich kälteren Tolminka ist abermals gesäumt mit Metallern – wiederum weißen und schwarzen, dazwischen zwei Polizisten zu Pferd, die in der Tolminka ihre Tiere tränken. Wir tränken uns selbst an der toll unter Trauerweiden gelegenen Cocktailbar mit den dort feilgebotenen Getränken. Doch wir stellen fest, dass man auf den Metaldays unter dem Begriff Cocktail eher das Mischen von Säften mit Eis versteht. Also zum überteuerten einheimischen Bier greifen. Schwimmen, schlafen, trinken, Beachvolleyball spielen, Menschen kennenlernen – hier trifft man sich tagsüber und sieht sich abends vor den beiden Bühnen wieder. Ob man an der Beach Bar die nächtlichen Stripshows und das Oben-Ohne-Badminton-Turnier für Mädels braucht, muss jeder selbst wissen. Mir jedenfalls ist schweres Metall lieber als leicht bekleidete Stripperinnen.
Der Rückweg zum Campground führt mit geschultertem Gummimonster durchs Festivalgelände. Das kann je nach dessen Größe beschwerlich sein. Passanten, die sich nicht rechtzeitig ducken, bekommen von den aneinander gereihten Beinen der Riesenspinne gleich mehrfach Backpfeifen verpasst. Und auch der eine oder andere Merchandise-Stand muss seine Ware nach der arachniden Attacke neu ordnen.

Billige Alternative zu Cocktails? (Foto: Thomas Mendle)

Billige Alternative zu Cocktails? (Foto: Thomas Mendle)

Wir entscheiden uns kurzerhand, die PVC-Lümmel beiseite zu legen und uns eine Band auf der kleinen Bühne näher anzusehen. Die liegt tagsüber im Schatten unter Bäumen. Die direkt in die pralle Sonne ausgerichtete Hauptbühne ist vor allem bei Musikern berüchtigt, die ihren Set nachmittags spielen. Abends indes gehört die Bühne zum Feinsten, was ich bis dato auf Festivals gesehen habe: Jede Menge Platz, selbst beim Headliner gibt es ganz vorn kein Gedränge. Und wer sich eine Band relaxt im Sitzen oder Liegen anhören möchte, nimmt an der grasbewachsenen Böschung rechts der Bühne Platz.
Tief in der Nacht treibt mich die Notdurft aus meinem Zelt. Die Szenerie begrüßt mich mit einem faszinierenden, funkelnden Sternenhimmel. Zwischen den Bergen hängen bizarr geformte Dunstschwaden, die mit der aufgehenden Sonne bald Geschichte sein werden.

Nicht nur chillen angesagt... (Foto: Thomas Mendle)

Nicht nur chillen angesagt… (Foto: Thomas Mendle)

Die Metaldays gehören zu den am idyllischsten gelegenen Festivals in Europa, und genau das macht ihren Reiz aus. Alles kann, nichts muss. Nicht zuletzt deshalb gehört es auch zu den relaxtesten Open Airs. Abstriche wie die grenzwertigen, nur einmal pro Tag geleerten Chemietoiletten, das hirnrissige Pfandsystem, die mehr und mehr anziehenden Preise und die Scheißegal-Haltung bei den Ordnern tun dem keinen Abbruch. Bleibt zu hoffen, dass der Veranstalter bestrebt ist, diesen Charakter zu bewahren. Statt, wie andernorts, den Profit auf die Spitze zu treiben und damit den Geist des Festivals auszuverkaufen. Schließlich sollen die Metaldays das bleiben, was sie sind: Eine Idylle in Schwermetall.

Hier geht’s zu Part 2 des Berichts – natürlich mit einer gehörigen Ladung Bands!

MetalDays 2015, Tomin/Slowenien, 19.-25. Juli
MetalDays 2016, Tomin/Slowenien, 24.-30. Juli
Bislang bestätigt: Kreator, Septicflesh, Einherjer, Insomnium, Varg, Krisiun, Serenity
Infos/Tickets: http://www.metaldays.net/

(Thomas Mendle)

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