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Interview mit Savn: “Nützt es jemandem, dass ich jeden Tag traurig bin?”

Als Frontsängerin von MIDNATTSOL und jüngere Schwester von Liv Kristine, ist Carmen Elise Espanaes längst eine etablierte Lady der Gothic Metal Szene. Obwohl die hübsche blonde Norwegerin mit der Engelsstimme nach der Geburt ihrer Tochter einige Jahre Pause eingelegt hat, konnte man sie unmöglich vergessen und nun ist sie endlich zurück im Rampenlicht – jedoch mit einer ganz neuen Band namens SAVN, die aus ihr und einstigen Mitgliedern der SINS OF THY BELOVED entsteht und somit ein Gothic-Brett der Extraklasse verspricht. Wir plauderten mit Carmen über ihr neues Projekt, den Eurovision Songcontest und ihre Schriftstellerambitionen als Kind:

Hi Carmen, danke für deine Zeit! Wie kommt es, dass du nicht gerade vor dem Fernseher sitzt und den Eurovision Songcontest verfolgst?

Wenn ich zufällig daheim bin und es kommt, dann schaue ich rein, aber es ist nicht super wichtig für mich. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass Norwegen gewinnt! Oder Deutschland, meine zweite Heimat…

Ich kenne den Künstler für Norwegen um ehrlich zu sein gar nicht, genauso wenig wie den für Deutschland…

Ich auch nicht! (lacht)

Na dann! Erst einmal Glückwunsch zu deinem neuen Album, es war toll, mal wieder etwas von dir zu hören, nachdem es um Midnattsol ja sehr ruhig geworden war.

Danke! Das Schreiben der Midnattsol Songs hat dieses Mal sehr lange gedauert wegen verschiedenen persönlichen Gründen, wir haben einige Lieder komponiert, danach aber alles wieder verworfen und von neuem begonnen! Wir sind aber sehr motiviert eine vierte Platte zu machen und ich werde bald nach Deutschland gehen, um mit ihnen zu proben – nur leider gab es zwischen drin einige Jahre, in denen wir einfach nicht vorangekommen sind. Dann rief mich Stig [Johansen, der Band The Sins Of Thy Beloved] plötzlich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei einem Song von ihm mitzusingen und ich war erst zögerlich… aber als ich die Lieder hörte, die sie schon geschrieben hatten, war ich absolut begeistert. Da konnte ich nicht „Nein“ sagen. Und da sie mochten, was ich bei dem einen Song gemacht hatte, wurden es plötzlich immer mehr auf denen ich singen sollte und irgendwann meinten sie, dann könne ich ja auch gleich in der Band einsteigen (lacht) Seitdem lief alles sehr harmonisch und mit viel Spaß ab, wir wohnen auch nur fünf Minuten von einander entfernt, das ist ideal!

Du hast ja nun auch alle Texte selbst verfasst…

Ich mag es, wenn ich mich mit dem, was ich singe auch identifizieren kann, das macht es viel leichter, einen Song authentisch zu präsentieren.

Wie kamst du denn direkt auf dieses Thema der Deprivation in allen Songs? „Savn“ bedeutet ja auf norwegisch auch etwas in der Art, wenn ich das richtig verstanden habe?

Es ist schwierig, eine perfekte Übersetzung zu finden, aber es geht um das Vermissen und die Sehnsucht. Zu Beginn hatte ich Stig gefragt, warum er diesen Bandnamen gewählt hat und er sagte, dass ihm die Musik dermaßen gefehlt hat, dass er sich verloren und traurig fühlte. Er vermisste es derart, dass er einfach eine neue Band starten MUSSTE und deshalb nannte er sie auch „Savn“. Daraufhin habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt und meine eigenen Gedanken dazu durchwühlt, ich befragte auch meine Kollegen, was sie vermissen und welche Verluste sie im Leben erlitten. Daraufhin entstand dann das Albumkonzept – jeder Song dreht sich um das Vermissen von etwas und ist sehr persönlich.

Die norwegische Elfe von Savn: Carmen Elise Espanaes (Pressefoto)

Die norwegische Elfe von Savn: Carmen Elise Espanaes (Pressefoto)

Auch du warst ja nach der Geburt deiner Tochter einige Jahre „musiklos“ und mit keiner Band aktiv. Und in dem Stück „Musical Silence“ beschreibst du ja auch dieses Gefühl, sich ohne Musik verloren zu fühlen – wie hast du es denn geschafft, dich trotz der veränderten Lebenssituation wieder in deine Karriere einzugliedern?

Bei diesem Lied hatte ich eher Stig im Kopf, weil er ja über zehn Jahre ohne eine Band war. Mir selbst ging es zwar ähnlich in den paar Jahren Pause, aber es war natürlich bei weitem nicht so stark wie bei ihm. Aber mit Savn ging dann alles enorm schnell und ich war sofort wieder in meiner Rolle als Sängerin, als wäre nichts gewesen. Und es war SO schön und tat sehr gut und viele sagen, ich hätte durch meine Tochter plötzlich einen riesigen Schub an Energie und Inspiration erhalten, vielleicht haben sie recht (lacht).
Viele behaupten ja, dass ein Kind das Leben umkrempelt und man denkt sich nur „Ja ja…“, aber es stimmt und ich hätte mir nie vorstellen können, dass sich wirklich die ganzen Gedanken verändern. Man regt sich nicht mehr über Kleinigkeiten auf, sondern sagt nur „Ich hoffe, dass dein Tag im Kindergarten schön war“ und mehr zählt nicht. Kein ewiges Gegrübel mehr nach dem Motto „Oh, vielleicht habe ich ja einen Pickel“…

Dennoch sind viele deiner Texte recht düster ausgefallen, besonders bei „Demon In Me“ geht es um Ängste und Panikattacken – aber so autobiografisch scheint es letztendlich nun doch nicht zu sein, oder?

Nein, wie gesagt, die Texte greifen Gedanken von uns allen in der Band auf und sind nicht zwangsläufig aktuell, sondern erzählen oftmals auch von lang vergangenen Erfahrungen. Das Lied ist nicht über mich und deshalb kann ich nicht so viel dazu sagen, aber es sind echte Gefühle und ich finde wichtig darüber zu sprechen, weil es sehr viele Menschen gibt, die solche Probleme haben und es zu oft totgeschwiegen wird. Ich will, dass Leute sich nicht zu allein fühlen und es gibt ja viele positive Nachrichten in dem Album, wie „Hang On“ oder mach einfach weiter, egal wie schwer es ist. Es soll Mut geben und den Leuten vermitteln, dass das Leben weiter geht, auch wenn man Rückschläge erlebt hat.

Du selbst wirst in deinem Leben ja sicherlich auch schon viele schwierige Zeiten durchgemacht haben, was hilft dir denn, über solche Krisen, wie du sie in den Texten beschreibst, hinwegzukommen?

Das Schreiben und Musik machen hilft sehr. Und ich versuche immer, mir den Sinn des Lebens vor Augen zu rufen und mich zu fragen: Nützt es jemandem, dass ich jeden Tag traurig bin? Sicher, vieles ist traurig, aber man muss weiterkommen. Es ist „now or never“ und man sollte sein Leben nutzen und nicht, wenn man alt ist bereuen, dass man alles an sich vorüberziehen ließ und in der Traurigkeit versank. Fang jetzt an zu leben! Denn vermutlich leben wir nur ein Mal und es bringt auch nichts, 50 Jahre mit demselben Menschen zu verbringen, wenn man ihn hasst. Viele nehmen das Leben für selbstverständlich und ich hatte gehofft, dass durch das Album einige Leute begreifen, dass sie ihr Leben jetzt in die Hand nehmen müssen, bevor es zu spät ist.

Das Trio aus Musikern on The Sins Of Thy Beloved und Midnattsol (Pressefoto)

Das Trio aus Musikern on The Sins Of Thy Beloved und Midnattsol (Pressefoto)

Ich habe gelesen, dass du als Kind viele Geschichten geschrieben hast und Autorin werden wolltest – erzähl uns doch mal über diese Zeit.

Ich habe früh lesen und schreiben gelernt, da meine Schwester Liv [Sänger von Leaves Eyes und Ex-Theatre Of Tragedy] acht Jahre älter ist als ich und immer Schule mit mir spielte. Und auf einem kleinen Klavier habe ich oft versucht, ganz simple Melodien zu erfinden und sie meiner Familie vorzuspielen. Es war einfach in mir drin. Eines Tages erzählte ich dann meiner Mutter, dass ich Kinderbücher schreiben wolle und sie sagte nur „Ja, mach das!“ und damals schrieb ich jeden Tag eine kleine Geschichte und zeichnete dazu. Ich hatte eine Serie über ein Mädchen, das Sarah heißt und erfand dann immer solche Geschichten wie „Sarah geht zum Zahnarzt“ oder „Sarah verliert ihre Katze“. Meine Eltern bewahrten viele davon auf und kürzlich fand ich sie wieder, das war unglaublich, ich wusste gar nicht, dass ich damals solche Gedanken hatte (lacht)

Und was war der erste von dir gesungene Song, an den du dich erinnern kannst?

Das weiß ich leider gar nicht mehr. Aber ich kann mich an eine Szene erinnern, als ich etwa acht war und Liv und ihr damaliger Freund Raymond von Theatre Of Tragedy im Wohnzimmer saßen und schrien: „Carmen, du musst die Klappe halten mit deiner Singerei!“ Da war ich echt sauer! (lacht) Außerdem sollten wir in der Schule mal ein Lied schreiben und vor allen vorsingen, wie bei einem Wettbewerb. Ich schrieb mit kleiner Hilfe von Liv ein Stück über Frieden, weil ich ein riesiger Pazifist war, und gewann damit den Contest, das war also quasi mein erster semiprofessioneller Liveauftritt…

Damit hätte man dich doch direkt zu Eurovision schicken können! (lacht)

Ja, das wäre was gewesen, oh Gott. Das Lied war wirklich nicht so prickelnd, der Sinn dahinter war gut aber die Ausführung vermutlich nicht (lacht)

Nun erwähnst du deine Schwester Liv aber doch recht häufig, dabei hatte ich in einem älteren Interview mal gelesen, dass es dich stören würde, chronisch mit ihr in Verbindung gebracht zu werden…

(Pressefoto)

(Pressefoto)

Oh, das muss aber schon ewig lange her sein! Zehn Jahre mindestens. Jetzt stört es mich absolut nicht mehr, lediglich ganz zu Beginn meiner Karriere machte es mich traurig. Damals war ich aber auch noch gar nicht erwachsen und nahm alles sehr persönlich, dass keiner mich als Einzelperson sah. Irgendwann fragte ich mich, warum mich das überhaupt stört – Liv und ich haben ein großartiges Verhältnis, waren immer füreinander da und lieben es, miteinander Musik zu machen oder zu touren. Und all das sehe ich mittlerweile als Privileg und keinen Wettbewerb, wir führen ja auch völlig unterschiedliche Leben.
Wenn Leute uns dann vergleichen, finde ich es eigentlich eher interessant, da wir ja recht unterschiedliche Stimmen haben – und seitdem ich aufgehört habe, mich über diese Vergleiche aufzuregen, gab es in den Medien glaube ich auch kaum noch welche. Außerdem war es ja nur gute Promo für uns. Ich würde gern mehr mit Liv arbeiten, nur ist es zeitlich nicht immer möglich.

Und kann man bald mit einer Tour von euch rechnen?

Noch ist nichts geplant, wir möchten erst schauen, wie das Album ankommt. Aber generell würden wir es sehr gern und wir machten uns schon Gedanken über die Ausführung, über mögliche Gastmusiker etc, aber erst müssen die Leute natürlich unsere Musik mögen! (lacht)

(Anne Catherine Swallow)

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