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Interview mit Edguy: Superkräfte, der Teufel und das Sandmännchen

Nicht nur auf der Bühne sind EDGUY an amüsanter und doch anspruchsvoller Unterhaltung kaum zu toppen – nope, auch ausgiebige Gespräche mit Gitarristen Jens Ludwig an einem Mittwoch Nachmittag lassen für einen kurzen Moment den Eindruck aufkommen, man sitzt mit einem Fläschchen Bier auf dem Wackener Campingplatz, taucht die Füße in ein Planschbecken und genießt das Leben. Seit über 20 Jahren dominieren die Herren aus der Pampa von Fulda mit ihrem außerirdisch heißen Power (Ranger)-Metal die deutsche Szene und sind besonders auch durch Frontmann und passionierten Hutträger Tobias Sammet allseits bekannt.

Hi Jens, alles tutti? Ihr habt aber auch mal wieder eine geniale Scheibe herangezüchtet, Glückwunsch zu „Space Police – Defenders Of The Crown“! Auch euer Clip zu dem neuen Song „Love Tyger“ ist zum Schießen mit euch als Comic-Superhelden. Das Superhelden-Element taucht bei euch ja immer wieder auf – wenn du eine übernatürliche Spezialfähigkeit haben könntest, was würdest du dir aussuchen?

Wow, da muss ich erst mal nachdenken. 2005 hatten wir ja unsere EP „Superheroes“ herausgebracht, auf deren Cover wir alle als Superhelden abgebildet waren… ich hatte damals den Röntgenblick! Das fand ich sehr faszinierend… außerdem hatte ich noch eine zusätzliche Superkraft, weiß aber nicht mehr genau, was das damals war…

Meister der Fingerchen Jens Ludwig - hier ohne blutüberströmte Gitarre (Foto: Alex Kuehr)

Meister der Fingerchen Jens Ludwig – hier ohne blutüberströmte Gitarre (Foto: Alex Kuehr)

Warum hat dich denn genau die Gabe des Röntgenblicks getroffen, war das deine eigene Wahl?

Nein, das hat sich derjenige, der das Cover entwarf, ausgedacht. War keine persönliche Vorliebe von mir, aber beschwert habe ich mich natürlich auch nicht (lacht) Hätte man mir die Wahl gelassen, wäre meine Entscheidung wohl eher auf Fliegen gefallen, das stelle ich mir spektakulär vor. Zeitreisen sind natürlich auch eine schöne Sache… und Gedankenlesen stelle ich mir witzig vor! Okay, die meiste Zeit wohl eher erschreckend, aber dennoch witzig (lacht) Je nachdem, wem man gegenüber steht.

Apropos „Gegenüberstehen“ – ihr hattet mal geäußert, wie schwierig ihr es findet, dass die Metalszene oft von Schlipsträgern regiert wird, die natürlich den Geist der Musik gar nicht kennen und alles rein bürokratisch angehen. Wie seid ihr denn zu eurem ersten Vorstellungsgespräch bei einer Plattenfirma erschienen? Mit eleganter Krawatte oder Zylinder und Kuhmusterhosen?

Natürlich so, wie wir normal aussehen. Das war ja Mitte der 90er, wo man noch das Bild der 80er-Rockstars vor Augen hatte oder auch das des Grunges mit Flanellhemd und Jeans, also rein gar nicht glamourös. Wir jungen Kerle haben uns natürlich so angezogen, wie wir dachten, dass ein Rockstar auszusehen hat! Nein, eigentlich wollten wir immer nur wir selbst sein und uns nicht verkleiden, Gott sei Dank hat es ja funktioniert.
Ich weiß noch, wie wir unser erstes Label gefunden haben, wir waren auf der Popkomm und wollten einfach nur einen langhaarigen Typen nach dem Weg fragen. Und wie sich herausstellte hatte er eine Plattenfirma, wir eine Band und wir dachten „Das passt doch!“ Deshalb muss ich sagen, dass das erste Gespräch für unseren Plattenvertrag mit AFM damals überhaupt nicht geplant war!

Geile Story! Vielleicht sollte ich auch einfach mal Leute auf der Straße volllabern in der Hoffnung auf einen Karriereschub (lacht). Zurück zu eurem neuen Album: Ihr habt ja Falcos „Rock Me Amadeus“ gecovert, was verdammt nah am Original dran ist, sogar Tobis Stimme klingt 1:1 wie Falco! Warum?

Die Idee Falco zu covern, steht schon seit Jahren im Raum. Wir sind alle fasziniert von dem Typen, der war ein wirkliches Unikat, manchmal hören wir sogar Falco, bevor wir auf die Bühne gehen, weil manche Songs eine unglaubliche Energie mitbringen. Erst dachten wir bei dem Cover an „Der Kommissar“, aber unser Produzent Sascha meinte, wenn wir schon Falco covern, dann muss es „Rock Me Amadeus“ sein, weil der Charakter aus dem Film „Amadeus“ – dieses verwirrte Genie – ganz gut zu Tobi passte. Als wir dann herumgehört haben, stellten wir fest, dass es fast keine Coverversionen dieses Songs gibt – und als wir dann begannen, an dem Song zu arbeiten, wurde uns schnell klar, warum das so ist. Den Song zu machen, ohne ihn lächerlich klingen zu lassen, ist fast unmöglich. Deshalb ist das Cover auch nah am Original dran. Tobi hat sich wochenlang damit beschäftigt, diesen österreichischen Akzent hinzukriegen und genau diese Melodielinie in den Strophen – falls denn eine vorhanden ist! – zu imitieren, was er sehr gut hingekriegt hat. Außerdem wollten wir den Kontrast der „Rap-Strophen“ zum rockig fetten Refrain beibehalten.

Wie sieht für dich der Teufel aus? Sowohl optisch als auch im übertragenen Sinne?

Wie für mich der Teufel aussieht? Wie Ronnie James Dio auf seinen Plattencovern! Das wäre so meine erste Assoziation! Ansonsten denke ich noch an Tenacious D., Dave Grohl sah als Teufel echt super aus. Puh, das ist ja fast eine philosophische Frage, ich mach doch nur Musik, sowas kannst du mich nicht fragen! (lacht) Nein, aber mal Spaß beiseite, ich denke der Teufel steckt in jedem, in Form von Rachegelüsten oder fiesen Gedanken gegenüber anderen. Die Frage ist hierbei nur, wie sehr man dies unter Kontrolle hat oder eben auslebt und in die Tat umsetzt.

Was waren denn die schlimmsten Konditionen unter denen du mal ein Konzert spielen musstest?

Deutschlands Power Metal Könige Edguy (Foto: Alex Kuehr)

Deutschlands Power Metal Könige Edguy (Foto: Alex Kuehr)

In Fulda irgendwann zur Rocket Ride-Tour. Ich weiß noch, wir kamen aus Schweden und sowohl Dirk als auch ich haben uns dermaßen den Magen verdorben, dass wir uns den ganzen Tag aus allen möglichen Körperöffnungen entleert haben! Dementsprechend ging es uns auch während dem Konzert, keiner von uns konnte stehen, wir mussten im Sitzen performen, weil es körperlich einfach nicht besser möglich war. Andererseits wollten wir natürlich die Fans nicht enttäuschen, gerade weil es in unserer Heimat war – letztendlich war es aber die reinste Tortur. Unter Krankheit zu spielen ist eh immer das Schlimmste.

Wie schaffst du es denn, bei einem solch hektischen Tourplan trotzdem wieder auf die Beine zu kommen? Wirklich auskurieren könnt ihr euch ja gar nicht!

Gott sei Dank haben wir immer mal wieder einen freien Tag dazwischen, aber wenn eine Virusinfektion durch den Bus geht, kann man wenig machen. Demnach muss man von vorn herein pfleglich mit sich umgehen, Sex, Drugs and Rock’n’Roll hält man leider in unserem Alter nur 2 oder 3 Tage aus, danach ist Schluss (lacht). Nein, wir wollen ja noch einige Jahre im Musikgeschäft bleiben, deshalb ist eine wilde Sauforgie jede Nacht nicht unser Fall, jeder muss Prioritäten setzen, unser Publikum will ja keine besoffenen Hampelmänner sehen.

Gerade habe ich gelesen, dass heute „Tag des Biers“ ist, deshalb erzähl uns doch mal, was du am liebsten trinkst!

Ich bin nicht so der große Biertrinker, besonders vorm Konzert trinke ich eigentlich nie etwas, das gluckert sonst immer im Bauch (lacht) Ich trinke gern mal ein schönes Glas Rotwein oder einen Kurzen, aber das war’s auch schon.

Noch einmal zurück zu “Space Police”: Dem Aspekt der Zeichentrickhelden begegnet man bei euch ja immer wieder auf Covern oder in Videos – um ehrlich zu sein, habe ich beim Refrain zu dem Titelsong „Space Police“ auch immer wieder kleine Power Ranger vor Augen, die wild tanzen… Was waren denn deine Lieblings-TV-Serien als Kind?

Da gab’s ja nicht so viele Programme, Erstes, Zweites, Drittes und das war’s (lacht) „Ein Colt für alle Fälle“ war ganz großes Kino damals, irgendwann gab es dann das A-Team, Kampfstern Galactica… und mit dem Sandmännchen hört’s dann auch schon wieder auf! Später im Privatfernsehen auf Tele 5 kamen dann die ganzen Zeichentrickserien, Galaxy Rangers, aber das war ja schon Jahre später…

Edguys neue Scheibe "Space Police - Defenders Of The Crown" ist jetzt über Nuclear Blast erhältlich!

Edguys neue Scheibe “Space Police – Defenders Of The Crown” ist jetzt über Nuclear Blast erhältlich!

Was war das Seltsamste, das du jemals signieren musstest – abgesehen von den üblichen Titten?

Titten und Hintern! Was wirklich Seltsames fällt mir gerade nicht ein, sehr unkomfortabel sind aber Gitarren-Plektren, auf denen man mit dickem Edding unterschreiben soll! Am besten noch mit der ganzen Band! Für „The Age Of The Joker“ hatten wir damals auch eine Limited Edition, bei der wir 3.000 Spielkarten unterzeichnen mussten! Es war wirklich abenteuerlich sich mit fünf Leuten auf eine normale Spielkarte zu quetschen, da war der ein oder andere kurz vor einer schlimmen Sehnenscheidenentzündung… Aber was macht man nicht alles?! (lacht)

In Sachen Verletzungen müsstet ihr doch auch nicht gerade verschont geblieben sein, so heftig wie ihr auf der Bühne abgeht – Tobias ist ja vor ein paar Jahren mal in den Bühnengraben gefallen, hattest du selbst auch schon größere Liveunfälle?

Gott sei Dank bin ich recht verschont geblieben, außer dass ich mich natürlich auch auf einem nassen Boden mal ganz gut auf den Hintern gesetzt habe. Oder man haut sich das Mikro gegen den Kopf… oh und ich bin ganz gut darin, mir die Hand aufzureißen, wenn ich in die Saiten haue. Das Schlimme ist, dass ich das gar nicht bemerkt habe, meine Haut war schon ein wenig durchgeweicht und deshalb ganz schnell weg, als ich falsch über die Saiten kam, wegen dem Adrenalin auf der Bühne habe ich das aber erst gar nicht bemerkt. Erst als ich nach dem Konzert die Gitarre in die Ecke stellte, fragte ich mich plötzlich: „Huch, warum ist die denn so blutig?“

Meist fragen die Leute am Ende des Interviews ja, ob der Musiker noch irgendetwas sagen möchte, aber das geht den meisten ja ziemlich auf den Senkel, deswegen würde ich zum Abschluss gern von dir wissen: Gibt es eine Frage, die man jeden Menschen in einem Gespräch stellen sollte?

„Wie geht’s dir?“ – aber ernst gemeint. Gerade in Amerika gehört das ja zum Floskelalltag, dabei fände ich es wichtig, dass diese Frage öfter mal mit echtem Interesse gefragt wird. Das vergessen viele Leute, obwohl es einige Male wirklich angebracht wäre.

(Interview: Anne Catherine Swallow)

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