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In der Welt zu Hause: Interview mit Dagadana

Im vergangenen Jahr schaffte die polnisch-ukrainische Weltmusikband Dagadana bereits den Sprung nach Asien: Der heisse Konzertsommer führte sie in einem Monat nach Malaysia, China, Indonesien und Singapur, wo sie ein neugieriges und begeistertes Publikum erwartete. Die ungewöhnliche Mischung aus Jazz, Elektronika, polnischer und ukrainischer Folklore und eigenwilligem Künstlertum machte sie schon vorher weit über Polens Grenzen hinaus bekannt. Trotz ihrer Wurzeln sind sie auf eine solche Weise anders, dass sie eigentlich überall in der Welt zu Hause sein könnten … Das Trio setzt sich komplett aus Profimusikern zusammen: Dagmara Gregorowicz singt und bedient die elektronischen Geräte, Dana Vynnytska ist ebenfalls Sängerin und spielt die Keyboards, Mikołaj Pospieszalski ist der Experte am Kontrabass und an der Bassgitarre. Am Schlagzeug sitzt seit neuestem der Amerikaner Frank Parker. Experimentelles und ein ganz bestimmter anheimelnder Lyrismus prägen den Stil der nicht alltäglichen Truppe. Da aber auch diese Etiketten nicht viel aussagen und der Leser dieser Zeilen Dagadana selbst hören sollte, haben wir Managerin Dagmara gebeten, uns einige Fragen zu beantworten, eine Bitte, der sie auch bald und gerne nachkam:

Hallo Dagmara, die meisten, die von euch noch nichts gehört haben, können sich nicht so ganz vorstellen, was sie bei euren Konzerten erwartet. Könnt ihr euren Stil etwas näher beschreiben? Spielen folkloristische und Weltmusik für die Ausbildung eures Stils eine Rolle?

Ein sympathisches Trio, jetzt Quartett: Dagadana (Foto: Ryszard Izydorczak)

Ein sympathisches Trio, jetzt Quartett: Dagadana (Foto: Ryszard Izydorczak)

Dagmara Gregorowicz: Unsere Musik ist eine Verbindung aus Jazz, Folk, Electronic Dance Music oder Club Music und manchmal auch Klassik. Dagadana legt einen starken Akzent auf das Melodische, was sehr charakteristisch für die wohlklingende slawische Musik ist, die unsere Vorfahren gesungen haben. Die Mitglieder von Dagadana weichen sehr voneinander ab, wenn es um die musikalischen Interessen geht und es sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir haben uns in Krakau auf der Jazz-ISJA Werkstatt, der International Summer Jazz Academy, kennengelernt und eben diese Musik hat uns verbunden. Jeder von uns zollt den starken Wurzeln der Volksmusik im jeweiligen Land –Ukraine oder Polen – Anerkennung. Und eben diese Musik dient uns als Quelle für viele Inspirationen. Die verschiedenen Einflüsse machen es letztlich möglich, offen zu sein und experimentell zu agieren.

Dana Vynnytska hat übrigens Komposition an der Staatlichen Musikakademie M.V.Łysenki in Lemberg studiert. Die Hauptquellen für ihre Inspirationen sind Jazz und ukrainische Musik.
Mikołaj Pospieszalski absolvierte Jazz mit Kontrabass als erstem Instrument in der Musikakademie von Krakau und eben das ist seine Inspiration: Kontrabass und Geige. Er kommt aus einer in Polen sehr bekannten Musikerfamilie, sein Vater ist der legendäre Marcin Pospieszalski.
Dagmara Gregorowicz selbst hat in Posen an der Hochschule für Gesang meinen Abschluss gemacht. Sie mag neuartige Klänge, Club Music aber auch Weltmusik und Avant-Pop.

Welche Rolle spielt denn die Improvisation bei euren Auftritten und Aufnahmen, ist alles durchgeplant?

In unserer Musik ist Improvisation sehr wichtig, unsere Konzerte sind ein vorübergehender Augenblick und die Musik unwiederholbar.

Welche Vorbilder habt ihr?

Wir haben viele Freunde unter Künstlern wie die Warsaw Village Band, Dakha Brakha oder DVA. Das sind Leute, die so sind wie sie immer waren: Sie zeigen die Kultur ihres Landes und haben damit viel Erfolg.

(Foto: Ryszard Izydorczyk)

(Foto: Ryszard Izydorczyk)

Wo wart ihr noch nicht auf Tournee, wo würdet ihr gerne auftreten?

Dagadana träumt von Konzerten in Neuseeland und Kiribati. Jede Insel hat an sich etwas besonderes – und wir lieben die Natur. Deswegen tendieren wir zu exotischen Orten, die wir besuchen möchten, sie stehen auf unsere Liste ganz oben. Andererseits sind bei solchen Treffen die Menschen noch wichtiger. Das ist ein tolles Gefühl, an großen Festivals mit einem Publikum von mehreren tausend Leuten teilzunehmen. Gleichzeitig ersetzen sie nicht die kleinen Clubkonzerte, die wir ebenso geben. Wir sind nicht immer in den akustisch besten Konzertsälen aufgetreten, sondern manchmal auch in Dorfmusikschulen wie zum Beispiel im chinesischen Malan, das liegt fünf Stunden von Peking entfernt. Die längste erste Reise ist manchmal die beste. Ein paar Mal sind wir auch in Deutschland aufgetreten. Für uns ist das Land ein Nachbar, aber noch „unentdeckt“. Wir möchten dort auf eine längere Tournee gehen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass ihr einer Musikrichtung wie der unseren sehr offen gegenübersteht. Jedenfalls kommen wir immer sehr „zufrieden“ von einer Deutschlandreise zurück. Wir hoffen, dass Dagadana schon in Kürze bei euch Anerkennung findet und die Chance hat euch öfter zu sehen.

Was ist auf eurer neuesten CD zu hören?

Längst kein Geheimtipp mehr (Foto: Ryszard Izydorczyk)

Längst kein Geheimtipp mehr (Foto: Ryszard Izydorczyk)

List do Ciebie (Ein Brief für dich) verbindet die für Dagadana charakteristische Musik mit einem poetischen Text von Janusz Różewicz, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. Mit Hilfe unserer Musik haben wir versucht zu zeigen, wie schön seine Gedichte sind. Mit Absicht haben wir die Gedichte ausgewählt, die nicht direkt von Krieg und Tod handeln. Wir wollten den jungen Mann Janusz Różewicz kennenlernen, der so lebhaft war und so viel von Reisen geträumt hat.

Dagadana hat für diese Platte den Schlagzeuger Frank Parker eingeladen. Er hat auch schon mit Kurt Elling, dem Jazzsänger aus Chicago, dem amerikanischen Trompeter Randy Brecker und John Patitucci, einem US-Kontrabassisten, zusammengearbeitet. Für uns war sehr wichtig, wie wir die Platte herausgeben. Sie beinhaltet nicht nur eine CD und ausgewählte Gedichte von Janusz Różewicz in Polnisch, Ukrainisch und Englisch sondern auch Kommentare von zahlreichen Journalisten, Musikern und Kulturschaffenden.

Zeichnet sich die aktuell nicht erfreuliche Situation in der Ukraine irgendwie in euren Texten und Songs ab?

Dass die Präsidentenwahl im ersten Durchgang ordentlich verlaufen ist, scheint ein erstes Anzeichen für die auf dem Majdan erhobenen Forderungen und Friedenswünsche zu sein. Wenn es um unsere Konzerte geht, erinnern wir an jeden, der auf dem Majdan ums Leben gekommen ist. Ein konstantes Element ist ein ukrainisches Lied mit dem Titel Hey, Ente auf der Tysyna, das für viele in diesen Wochen zur Kampfhymne wurde. Damit wollen wir dem Publikum zeigen, dass sich alles mit einem Wimpernschlag ändern kann. Wir bitten die Besucher auf vielartige Weise um Unterstützung für die Ukraine. Außerdem wollen wir darauf aufmerksam machen, dass die russische Propaganda sehr weit von der Realität der ukrainischen Seite entfernt ist. Die Konzerte finden wegen der Situation dort dieses Jahr vorerst in Polen statt. Wegen des Nationaltrauertags haben die Veranstalter eine unserer Veranstaltungen abgesagt. Wir hoffen, dass das Gute in der Ukraine siegt.

Wie reagiert das ausländische Konzertpublikum auf Dagadana?

Enthusiastisch. Es ist bemerkenswert, dass diese Musik jeder versteht, auch wenn er unsere Sprache nicht kennt.

Dagmara, wir bedanken uns sehr für die Beantwortung dieser Fragen und wünschen eurer Band weiter erfolgreiche Konzertauftritte weltweit!

Website: www.dagadana.pl
Facebook: https://pl-pl.facebook.com/dagadana

(Interview: Hanns-Peter Mederer, Übersetzung: Agnieszka Mederer)

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