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Das Highfield Festival 2015: Sechs Highlights, die nicht jeder auf dem Zettel hatte

Dass Acts, wie Marteria, K.I.Z., The Gaslight Anthem oder The Offspring das mit 25.000 Besuchern ausverkaufte Highfield Festival in Großpösna südlich von Leipzig zum Kochen bringen würden, war zu erwarten. Aber wie bei allen Festivals trugen vor allem viele kleinere Künstler dazu bei, die das ganze Wochenende über dem Gelände schwebenden Gewitterwolken zu vergessen und zu vertreiben.

So war das Highfield Festival 2015 (Foto: Marinus Seleitner)

So war das Highfield Festival 2015 (Foto: Marinus Seeleitner)

Mit Erfolg. Denn trotz katastrophaler Wettervorhersagen und Unwettern über ganz Deutschland blieb es rund um den Störmthaler See bis Sonntagabend trocken und sogar überwiegend sonnig. Und während viele Besucher noch damit beschäftigt waren, sich ihren obligatorischen Festivalsonnenbrand dosenbiertrinkend, flunkyballspielend oder einfach in Müll liegend auf dem Campingplatz zu holen, konnte man vor den Bühnen bereits zu mitreißender Musik aller Genres den Staub aufwirbeln. Dies ist eine Würdigung an Bands, die Nachmittage eröffnen, ekstatische Mosh-Pits für zehn Leute erschaffen und dennoch den Soundtrack eines gelungenen Wochenendes nicht unwesentlich mitbestimmen, ein Dank an sechs der vielen kleingedruckten Festival-Shirt-Helden, die den Headlinern auf dem Highfield 2015 erst die gute Stimmung ermöglichten.

John Coffey

Nein, in diesem Falle handelt es sich nicht um den hünenhaften, aber sanften Protagonisten aus Stephen Kings The Green Mile, sondern um eine Post-Punk-Band aus den Niederlanden. Und mit Sanftmut haben die fünf Holländer herzlich wenig zu tun. Auf ihren Konzerten und CDs scheppert es gewaltig, Verschnaufpausen Fehlanzeige. Dennoch sind sie weit weg von schnödem Drei-Akkorde-Punk, sondern erschaffen zwischen wilder Pogo-Stimmung geniale Lead-Melodien und tanzbare Kopfnicker-Grooves. Rabiat ging es auch bei ihrer halbstündigen Show am Freitagnachmittag zu. Als erste Band auf der größeren Green Stage lockten sie zwar nicht das ganz große Publikum aus ihren Campingstühlen, mit den Anwesenden wurde das musikalische Wochenende aber standesgemäß eingeläutet. Sänger und Schnurrbartträger David Achter de Molen sprang nicht nur wie ein Flummi über die Bühne, sondern ebenso in die Menge und konnte diese dazu animieren die gesamte Breite des Geländes auszunutzen und immer wieder von links nach rechts und wieder zurück zu laufen. Ein unfassbar energiegeladener und daher perfekter Festivalstart. Anspieltipps: Romans, Relief.

Bilderbuch

Luftblasen als Kohlensäure: Bilderbuch mit „Softdrink“ (Foto: Marinus Seeleitner)

Luftblasen als Kohlensäure: Bilderbuch mit „Softdrink“ (Foto: Marinus Seeleitner)

Wer im Laufe der letzten zwölf Monate noch nichts von Bilderbuch gehört hat, wollte womöglich von Musik einfach nichts wissen. Denn auch wenn die vier Österreicher schon seit Jahren als Undergroundtipp die Clubs im deutschsprachigen Raum bespielten, ließ der große Durchbruch bis zu ihrem Anfang 2015 erschienenen Album Schick Schock warten. Seitdem scheinen sie aber nicht mehr aufzuhalten zu sein. Ihr Pop mit Hip-Hop-, Funk- und Indierockeinflüssen kann vor allem durch den österreichischen Slang und die Gigolo-Attitüde von Sänger Maurice Ernst nur als sexy bezeichnet werden. Auch ihr Auftritt am späten Freitagnachmittag strotzte vor Coolness und verwandelte das staubige Gelände in eine große Open-Air-Disco. Leider schäkerten die modebewussten Jungs ein bisschen zu ausgiebig mit dem Publikum, so dass sie aufgrund des straffen Zeitplans das letzte Stück OM nicht mehr spielen konnten. Dennoch ein großer Auftritt von einer Band, die bald nicht mehr in der prallen Sonne, sondern zur besten Spielzeit auch auf den großen Festivals dieses Landes gebucht werden wird. Anspieltipps: Maschin, OM.

Frittenbude

Die Elektropunks von Frittenbude brachten am Freitagabend die Menge auf der kleineren Blue Stage zum Raven. Die drei Exil-Bayern haben mittlerweile als Live-Unterstützung einen Schlagzeuger und einen Keyboarder dabei und können das Publikum mit ihrer Mischung aus harten Technobeats, wabbernden Synthies und gesellschaftskritischen Texten einerseits zum Tanzen, andererseits zum Denken bewegen. Am 21.8. erscheint ihr neues Album Küken des Orion, wovon sie auf dem Highfield mit Stürzende Helden, Die Möglichkeit eines Lamas und So da wie noch nie bereits drei Songs präsentierten. Anspieltipps: Mindestens in tausend Jahren, Stürzende Helden.

Alligatoah

Okay, Alligatoah ist spätestens seit seinem 2013er-Sommerhit Willst du auch der breiten Masse bekannt. Und er hatte auch keinen undankbaren Nachmittags-Slot auf dem Highfield, sondern lieferte den Soundtrack zum Sonnenuntergang am Samstag. Dennoch hat er eine Erwähnung verdient, da die neue Bühnenshow des Schauspielrappers einfach unheimlich unterhaltsam ist. Während seine Live-Band sich mit Flügeln auf dem Rücken vorne auf der Bühne positionierte, bestieg Alligatoah selbst einen auf einer Wolke aufgebauten Streitwagen dahinter, wo er sich selbst als römischer Feldherr inszenierte, der musizierende Engel vor sein Gefährt gespannt hat. Auch sein Sidekick Battleboi-Basti, welcher in diesem skurrilen Szenario zum Lumpen tragenden Beraterboi umfunktioniert wurde, konnte wieder einen Platz in Alligatoahs absurden Ensemble ergattern. Highlights waren insbesondere der Anti-Nazi-Song Was der Bauer nicht kennt samt unmissverständlich vorangegangener Ansprache, sowie die Zugabe Es ist noch Suppe da, als sich in der Menge einige Mosh-Pits a.k.a. Suppentöpfe bildeten, in denen ordentlich gerührt wurde. Anspieltipps: Fick ihn doch, Trauerfeierlied.

Heisskalt

Der letzte Festivalauftritt von Heisskalt dieses Jahr hatte es in sich (Foto: Marinus Seeleitner)

Der letzte Festivalauftritt von Heisskalt dieses Jahr hatte es in sich (Foto: Marinus Seeleitner)

Wer dachte, dass der Sonntagmittag für Zeltabbauen und Festivalwundenlecken reserviert ist, der irrt, denn als die Stuttgarter Heisskalt die Blue Stage enterten, war einiges los vor der Bühne. Wer die vier Jungs noch nicht kennt und sowohl auf harte Klänge, als auch auf intelligente deutsche Texte steht, sollte sich schleunigst ihr 2014 erschienenes Album Vom Stehen und Fallen besorgen oder besser auf ein Konzert gehen, denn live reißen Heisskalt mit ihrem poetischen Post-Hardcore alles ab. Was sowohl die Beine, als auch die Gehirnlappen fordert, kann nur gut sein. Außerdem regten die sympathischen Schwaben die Besucher auch in ihren Ansprachen zum Nachdenken an und warfen die Frage auf, ob es hinsichtlich aktueller Kontexte nötig sei, Deutschlandfahnen auf den Campingplätzen aufzuhängen. Ihre deutlichen Aussagen wurden vom Publikum mit lautem Applaus quittiert. Nach ihrem dynamischen Auftritt standen die Jungs noch beim Kein-Bock-Auf-Nazis-Stand für Autogramme zur Verfügung. Anspieltipps: Kaputt, Hallo.

LaBrassBanda

„Des is a Wahnsinn!“ LaBrassBanda auf dem Highfield (Foto: Marinus Seeleitner)

„Des is a Wahnsinn!“ LaBrassBanda auf dem Highfield (Foto: Marinus Seeleitner)

Neun Oberbayern fahren nach Sachsen, sprechen kein Wort Hochdeutsch und spielen Blasmusik. Ob das funktioniert? Und wie! Dass die barfüßige Bläsercombo um Frontmann und Trompeter Stefan Dettl mit den selbst für gebürtige Bayern schwer verständlichen Texten in ganz Deutschland Gehör finden kann, bewies der Vorentscheid für den Eurovision Songcontest 2013, als sie beim deutschlandweiten Radiovoting klar vorne lagen, aber aufgrund einer umstrittenen Juryentscheidung den Sieg an Cascada abgeben mussten. Auf dem Highfield verwandelten LaBrassBanda das Gelände vor der Green Stage in eine pulsierende Blase aus Brass und Techno und kein Bein stand mehr still. Dass ihre Musik in Sachsen derart gut ankommt, konnten die lederhosentragenden Vollblutmusiker offenbar selbst kaum fassen, denn immer wieder bedankte sich Dettl freudestrahlend für die begeisterte Stimmung. Vielleicht DIE Überraschung des Highfield Festivals. Anspieltipps: Nackert, Bauersbua.

(Marinus Seeleitner)

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