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TRIBULATION + GRAVE PLEASURES + VAMPIRE: Hamburg an der Schwelle zu einer anderen Welt

Tribulation + Grave Pleasures + Vampire, “The Wailing Dead” European Tour, 15.01.2016
Knust, Hamburg

Für die Hansestadt ist ein Schneechaos angesagt und die Temperaturen von -3 °C lassen Schlimmes erahnen – aber wenn eine Veranstaltung es wert ist, dafür sein Auto in den Graben zu setzen und auf dem Bauch durch Norddeutschland zu robben, dann ist es diese hier.
Dass TRIBULATION mit ihrem einzigartigen Death Metal problemlos die Türen zu anderen Dimensionen auftreten, hatten sie letztes Jahr schon als Support von Melechesh bewiesen, doch die Co-Headline-Tour mit der Beastmilk-Reinkarnation GRAVE PLEASURES verspricht eine Show, die St Pauli in Flammen versetzt.

Rauer Todessound aus Schweden: VAMPIRE

Rauer Todessound aus Schweden: VAMPIRE

Pünktlich um 21 Uhr kommen VAMPIRE aus ihrer Gruft gekrochen. Roh, fies und trommelfellzerschmetternd legen die jungen Schweden los und walzen mit den Songs ihren Debütalbums alles zu einem verödeten Friedhof platt. Obwohl ihr Sound sehr Old School ausfällt, gelingt es Fronter Lars ‘Hand Of Doom’ Martinsson doch, der Truppe einen sehr unverbrauchten Flair anzuhängen und als er flehend und drohend seine Texte ins Mikro krächzt, starten die ersten Betrunkenen mit systematischen Schädelkollisionen. Ein blutrünstiger Auftakt, wie man ihn sich wünscht.

Während die Halsschlagadern noch verarztet werden, trumpfen GRAVE PLEASURES mit erstaunlich ruhigerem Sound auf, der im ersten Moment nicht ins das heftige Line Up zu passen scheint. Sieht man der internationalen Combo um Mat „Kvohst“ McNerney aber auch nur ein paar Minuten zu, begreift man, weshalb sie ein so gutes Team mit TRIBULATION bilden:

Apokalyptischer Todesrock von GRAVE PLEASURES

Apokalyptischer Todesrock von GRAVE PLEASURES

Denn beide Bands legen eine so erschütternde Leidenschaft in ihre Musik, dass es fast irrelevant wird, ob man mit dem Stil etwas anfangen kann – sie reißen allein durch ihre Bühnenpräsenz mit. Und so arbeitet sich die Truppe durch ein fast einstündiges Set, das im Stil von The Cure oder The Smiths einen eleganten Tanz auf der Schwelle des Todes vollführt – alter Goth Rock trifft neue Post Punk Dimensionen und selten gelingt es einer Band, so glaubwürdig ihren morbiden Spaß am Tod und der Apokalypse zu präsentieren. Neben Kvohsts hypnotischem Gesang zieht besonders auch Gitarristin Linnéa Olsson die Blicke auf sich und bildet wieder ein ideales Beispiel dafür, dass eine charismatische Ausstrahlung viel mehr wert ist als tiefe Ausschnitte. Ekstatisch singen einige Fans in der ersten Reihe die Hits wie „Girl In A Vortex“ oder den Beastmilk-Ohrwurm „You Are Now Under Our Control“ mit und obwohl der einzigartige Post Punk Sound kein Moshpit im Knust entstehen lässt, können GRAVE PLEASURES doch die geistigen Horizonte ihrer Zuschauer weit genug aufhebeln, um letztendlich Platz zu machen für “Sweden’s Finest”:

Prägt euch dieses Gesicht ein. Dieser Mensch wird mal eine Legende. Jonathan von TRIBULATION

Prägt euch dieses Gesicht ein. Dieser Mensch wird eine Legende. Jonathan Hultén von TRIBULATION

Mit dem instrumentalen „Ultra Sivam“ schaukeln TRIBULATION sich in ihr räucherstäbchenlastiges Set und als „Melancholia“ loskracht, ist klar, warum die vier Jungspunde als größte Hoffnung für die Death Metal Szene gehandelt werden. Dabei brechen sie jegliche Konventionen oder Szenevorstellungen, verzichten auf martialisches Gedresche und schaufeln sich eine völlig neue Nische durch ihr androgynes Auftreten, die unvergleichbar melodischen Gitarrenparts wie in „Motherhood Of God“ und einem so todesnahem Auftreten, dass ihre Konkurrenz mit Corpsepaint wie Kasperletheater aussehen lässt. Und so sehr man auch versucht, allen vier Mitgliedern die gleiche verdiente Aufmerksamkeit zu schenken, macht Gitarrist Jonathan Hultén es doch unmöglich, ihn nicht dauerhaft anzustarren. Mit seinem Ballett aus mädchenhafter Eleganz und dämonischer Besessenheit reißt er ein schwarzes Loch in alles bisher Dagewesene, leidet, wütet und schüttelt jegliches Menschliches von sich ab. Leider fällt das Set mit einer Stunde und fünfzehn Minuten recht knapp aus, doch mit „Strange Gateways Beckon“ und dem brutalen Finisher „When The Sky Is Black With Devils“ erzeugen TRIBULATION ein so ekstatisches Headbangen, dass sie trotz des kurzen Auftritts ein Gefühl hinterlassen, als wäre man vom Blitz getroffen worden. Oder hätte dem einzigen Gottesdienst beigewohnt, der tatsächlich etwas Göttliches in die Minusgrade von Hamburg herunterzitierte.

(Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015