From the Blog

Die deutschen Misfits: The Other

THE OTHER Interview: “Wenn die CSU schon als eine Partei der Mitte gilt, wird’s Zeit auszuwandern!”

Von den Misfits zu den Murderdolls – bisher galt Horrorpunk immer als äußert amerikanisches Genre, seit THE OTHER aus Köln aber ihr Unwesen in der Szene treiben, weiß die Welt, dass die Melange aus rotzigen Gitarrenriffs und spukigem Aussehen auch auf deutsch funktioniert und das sogar verflucht gut. Seit 13 Jahren (Mann, wie true!) suchen sie nun ihre Hörer heim und stoppten bei der Ghoulisierung mit ihrem neuen Album ”Fear Itself” auch auf dem Hildesheimer M’era Luna. Wir fingen Frontspuker Rod Usher am unchristlich frühen Morgen ab, um mit ihm über Puppen, Gruftis, aber auch aktuelle Politik zu reden:

Mit Horrorpunk seid ihr fast schon zu heftig für die Gothic Szene hier auf dem M’era Luna, aber ihr scheint trotzdem gut anzukommen und du meintest mal, dass du sehr von der Subkultur fasziniert bist, obwohl viele immer wieder sagen, dass es mit ihr seit den Achzigern nur noch bergab geht.

Rod Usher in Aktion beim M'era Luna

Rod Usher in Aktion beim M’era Luna

Rod Usher: Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht in der Gothic Szene groß geworden bin, sondern in der Metal und Punk Szene und ich bin mit der Band dort rein gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde. Klar habe ich früher auch mal die Sister Of Mercy gehört, aber das war’s. Ich erlebe die Szene erst seit kurzem mit und finde sie vielleicht deshalb so faszinierend. Außerdem, auch wenn es oberflächlich klingen mag… aber es sind natürlich auch die Looks der Leute, die absolut cool und beeindruckend sind. M’era Luna, WGT, Amphi, das sind alles Festivals, bei denen man auch als unbeteiligter Zuschauer eine Menge Spaß haben kann und viel zu schauen hat.

In dem Song ”Screams In A Black House” von eurem neuen Album hatte ich das Gefühl, du sprichst einige Kindheitsängste an, deshalb wollte ich einfach mal fragen: Wovor hattest du als Kind blinde Panik?

Das ist lustig, in der Tat ist das so. Meine Eltern hatten einen Wald hinterm Haus und der Nachbar besaß einen sehr langen Garten, in dem ganz in der Ecke ein Werkzeugschuppen stand. Er ging dort immer rein und hat den ganzen Tag gehämmert und gesägt und wir wussten nie, was er dort genau macht. Und obwohl er immer ein netter Mann war, haben wir uns sonst was vorgestellt, was er dort drinnen treibt! Irgendwann schlichen wir uns an, nahmen ein Brett ab und schauten hinein. Natürlich gab es nichts zu sehen, aber in der Fantasie malt man sich immer die schlimmsten Gruselgeschichten aus. Eine andere Hütte im Wald hat mir auch mal ähnliche Gedanken beschert und deshalb haben solche Orte für mich einen absolut faszinierenden Touch. Ansonsten waren meine Ängste die ganz klassischen eines Kindes – allein Zuhause sein, das Knacken von den Wänden hören… Und ich habe einen riesigen Ekel vor Spinnen.

Trotzdem hast du eine auf euer Albumcover gepackt?

Haha, ja, so verarbeite ich das. Aber heute Nacht in unserem Hotel hatten wir auch wieder so eine Story: In jedem Zimmer waren Spinnen, im Raum von unserem Gitarristen sogar vier Stück! Nur bei mir nicht und da war ich seeehr glücklich darüber!

Die Geschichte, die du in ”Doll Island – Isla de las Munecas” verarbeitet hast, ist auch sehr genial! Wo hast du zum ersten Mal von dieser Insel gehört, auf der hunderte Puppen in den Bäumen hängen, um den Geist eines ertrunkenen Mädchens fernzuhalten?

Die Credits muss ich an meine Freundin geben, die irgendwo eine Reportage darüber gesehen hat und mich auf die Geschichte aufmerksam machte. Natürlich war ich begeistert, musste aber zuerst einmal schauen, ob nicht schon hundert andere Bands etwas über das Thema gesungen haben, aber das war glücklicherweise nicht der Fall. Und die Bilder, die es davon im Internet gab, mit diesen teilweise schon verranzten Puppen in den Bäumen, fand ich schon wahnsinnig gruselig und ich würde dort keine Nacht verbringen wollen. Aber ich bin schon oft auf die Geschichte angesprochen worden, auch von anderen Bands, die es geil fanden, dass wir etwas gefunden habe, über das es noch nicht hundert Songs gibt.

Die Pommesgabel: Beste Medizin gegen böse Geister

Die Pommesgabel: Beste Medizin gegen böse Geister

Was würdest du denn vor deine eigene Tür hängen, um böse Geistern fernzuhalten?

Puh, gute Frage, also definitiv keinen Traumfänger. Am besten funktioniert doch immer noch die Pommesgabel, die ist ja auch gut gegen den bösen Blick!

In ”German Angst” seid ihr plötzlich sehr politisch oder zumindest realitätsnah geworden. Hattest du irgendwann von der Gesellschaft dermaßen die Schnauze voll, dass du deinen Frust in einem Song verarbeiten musstest oder wie kam es zu dem Track?

Wir hatten schon auf dem zweiten Album einen Song, der sich mit so einem Thema beschäftigte, aber momentan wird es in Deutschland aktueller denn je. Ich habe das Gefühl, hier passiert etwas ganz Schlimmes, was nicht nur an Einzelnen hängt, sondern sich durch die gesamte Gesellschaft zieht. Ich sehe es im Web, dass die Leute überall schreien “Aber das Boot ist voll! Die Flüchtlinge passen hier nicht mehr rein!” und schon stehen 20.000 Vollspacken auf der Straße und ich frage mich nur: Was ist los mit diesem Land? Das macht mir wirklich große große Sorgen. Vor zwei Tagen schrieb einer über Seehofer “Gut, dass mal einer aus der Mitte was gegen Flüchtlinge sagt!” und ich dachte mir nur “Also wenn die CSU schon als eine Partei der Mitte gilt, dann wird’s langsam Zeit auszuwandern!”. Mal sehen, wo das hinführt. Ich bin bereit, meinen Beitrag dafür zu leisten, dass die rechten Spackos nicht noch mehr Macht bekommen und ich finde auch, dass gerade die Gothicszene und viele andere Künstler sich verdammt nochmal zu dem Thema positionieren sollten. Jetzt ist die Zeit, um zu sagen “Bis hier und nicht weiter!”. Es braucht einen Platz für Toleranz, aber Nazis kann man nicht tolerieren.

Ich gebe dir völlig recht und habe oftmals das Gefühl, dass gerade an dem Punkt die Popkultur ihre jungen Hörer abholen sollte, da viele sich doch weit mehr für Musik interessieren, als für politische Schlagzeilen und deshalb für hohlen Parolen aus dem Netz sehr empfänglich sind.

Was du anspricht, ist ein wirkliches Problem. Wir sind die letzten Jahre so darauf gedrillt worden zu performen – man muss einen geradlinigen Lebenslauf haben, immer besser sein als der andere. Als ich den Kriegsdienst verweigert habe, ging es um Solidarität, Zusammenhalt und linke Struktuen. Heute geht es nur noch um Karriere machen und Lebensziele erreichen. Und wenn dann ein paar Rechte an die Macht kommen, sind es gerade diese Karriereleute, die sich im Leben noch nie Gedanken um politische Fragen gemacht haben, aber am anfälligsten für solche Einflüsse sind, weil sie sofort glauben, ihnen würde etwas weggenommen werden.

Erst mal schön vom Teufel träumen mit The Other

Erst mal schön vom Teufel träumen mit The Other

Wahre Worte, vielen Dank. Um mal wieder ins Fantastische überzuschwenken: Wenn du einen Horrorfilm aus deiner Band machen könntest, was wäre dann deine Rolle?

Ich bin ein großer Fan von Geisterfilmen, die ganzen Splattersachen sind mir zu krass. Ich werde wirklich ängstlich bei Horrorfilmen, traue mich nicht hinzusehen und quieke auch mal wie ein Mädchen [Note to the Redaktion: Aus dem nächsten Interview mit Rod einfach mal einen "Insidious"-Marathon machen]. Ich schaue am liebsten klassische Geisterfilme – was mir kürzlich gut gefallen hat, war “Die Frau in Schwarz”, und so einen Film würde ich auch für The Other sehen, der wirklich traditionell wie ein alter Monsterfilm funktioniert. Meine Rolle wäre dann die des Wolfman, denn ich bin absolut fasziniert von Werwölfen – Tiere, die sich in Vollmondnächten von der Gesellschaft befreien, ihrem Trieb folgen und hey, manchmal muss man seinen Trieben wirklich folgen!

Haha, wie wahr. Kürzlich meintest du, dass dich vor dem Schreiben immer eine gewisse Angst packt, dir der erste Schritt einfach nicht gelingen will und du dich selbst oft bremst – wie kommst du über solche Schreibblockaden hinweg?

In der Band habe ich zum Glück vier andere Jungs, die gern Songs schreiben und wenn man zusammenarbeitet, funktioniert das auch. Aber ich will schon seit ganz GANZ langer Zeit ein Buch verfassen und das will einfach nicht gelingen. Ich habe schon einige nonfiktionale Bücher geschrieben, zwei Reiseführer und ein Sexlexikon…

Das ist mal eine Kombination!

Ja, aber ich wollte mich auch schon lange an einem Roman versuchen. Ich habe viele Szenarien im Kopf, aber einfach noch nicht mit dem Schreiben angefangen und da macht sich wieder diese Hemmung im Kopf bemerkbar. Noch habe ich keine Lösung dafür gefunden.

Spielt die Story auch im Horrorbereich oder wagst du dich in völlig andere Gebiete vor?

Nein, das sollte schon im Horror- oder Gruselgenre bleiben.

Dann hoffe ich, dass du bald über die erste Seite hinauskommst! Heute habt ihr einen vollen Terminkalender und spielt nicht nur auf dem M’era Luna, sondern auch noch auf der Sons Of Anarchy Convention! Was hältst du von der Serie oder bist du selbst Biker?

Ich verbinde mit der Serie leider gar nichts. Ich habe eine Folge gesehen, aber die hat mir nicht gefallen, das war mir zu gewalttätig. Auch mit Motorrädern habe ich nichts am Hut, ich fahre einen Nissan Juke. Ich finde den Stil cool, das sind schicke Jungs mit tollen Kutten an, aber ehrlich gesagt habe ich wenig Ahnung von der Serie. Einige der anderen aus meiner Band finden die Serie toll, aber auch die sind keine Biker. Wir sind einfach nur eingeladen worden, fanden das Thema spannend und wollten uns mal überraschen lassen!

Vielen Dank an Rod Usher und seine Truppe ! Für das zurecht gefeierte, aktuelle Album “Fear Itself” dürft ihr euren Riecher hier entlang bewegen, wer aber einfach “nur mal gucken” möchte, kann das auch in unserer Bildergalerie vom M’era Luna tun!

(Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015