From the Blog

bmth11klein

“Spirit! Let’s hear it!” So war’s bei BRING ME THE HORIZON in Hannover

Am Montag Abend den Weg zu BRING ME THE HORIZON zu finden ist nicht schwer, denn die Schlange, deren Kopf im Eingangsbereich des Capitols steckt, erstreckt sich locker durch halb Hannover – kein Wunder, schließlich ist der 9. November nur eins von vielen ausverkauften Dates der Tour und man beginnt, sich ein wenig alt zu fühlen, inmitten der bunten Haare und schwarzen Gestalten, deren Durchschnittsalter sich auf geschätzte 18 beläuft.

Beartooth zerschädeln den Opener Slot im Capitol

Beartooth zerschädeln den Opener Slot im Capitol

So muss eine halbe Stunde nach Einlass auch regelrecht von hinten angeschoben werden, um alle Fans in die Halle hineinzubekommen und als BEARTOOTH pünktlich zu ihrer ersten Note ansetzen, kann man die Füße hochziehen, ohne umzufallen. Fronter Caleb Shomo hopst so wild zu dem reudigen Metalcoresound, dass ihm beim Headbangen fast das Hirn aus dem Kopf fliegt, aber die Songs der Herren aus Ohio kommen sofort gut an und wo sich noch Platz findet, wird gleich ein Moshpit initialisiert. Auch wenn die Tracks nach einiger Zeit etwas stumpf und variationslos erscheinen, erfüllen sie doch ihren Zweck und so ist die Menge nach einer knappen halben Stunde längst in Hitzewallung.

Pvris mögen's stattdessen lieber ruhiger

Pvris mögen’s stattdessen lieber ruhiger

Dafür ist mit PVRIS komplettes Kontrastprogramm angesagt, denn die jungen Amerikaner um die charismatische Frontrockerin Lyndsey Gunnulfsen ziehen die Handbremse und lullen das schwitzende Publikum mit ihrem atmosphärischen Sound ein, der zwischen wildem Post-Rock und sanft bizarrem Synthiepop tänzelt. Mit jener Mélange haben sie zwar nicht den besten Start bei dem metalcorelüsternen Publikum, doch Lyndsay gelingt es dennoch, sich als gitarrenkitzelnde Fronterin ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu spielen und so hätte man der Lady mit dem Undercut doch gern noch ein paar Minuten länger zugesehen, als PVRIS nach nur sechs Stücken wieder die Bühne räumen.

Mit dem Alter kommt das Melodische: Oli Sykes

Mit dem Alter kommt das Melodische: Oli Sykes

Mit dem einlullenden Midtempo-Track „Doomed“ eröffnen BRING ME THE HORIZON ihr Set und obwohl der Song nicht sofort Moshpitorgien erwarten lässt, hexenkesselt das Capitol gewaltig vor sich hin und das Geschrei der überwiegend weiblichen Fans übertönt zu Beginn fast die Musik. Die Bühne ist weiterhin in Dunkelheit getaucht, nur im Hintergrund leuchten farbige LED-Bildschirme und als nach dem Stimmenchor „S.P.I.R.I.T – Spirit! Let’s hear it!“ der „Happy Song“ eingeleitet wird, pusten die CO2-Werfer ihre Ladungen über die Bühne und es wird klar, dass BMTH kein abgespecktes Programm liefern, sondern gleich alles an Bühneneffekten rausballern, was man von einer Band ihrer Größenordnung erwarten würde. Oli Sykes tobt, dopst und leidet, aber legt den Fokus weit mehr auf die melodischeren Tracks und Mitsinghymnen, als auf das harte Core-Geballer der ersten Alben. Aber das ist okay, denn „Chelsea Smile“ funktioniert stimmlich eh nicht mehr so gut wie einst und viele neuere Songs, die auf Platte im ersten Moment weniger überzeugen konnten, ballern live umso mehr und den Horizontanern gelingt es, das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute am Schlafittchen zu packen. Für viele Metalfans der älteren Generation mag es unfassbar erscheinen, warum die Metalcoreszene inbesondere Jugendliche derart in ihren Bann zu reißen versteht, doch wer die intensive, zusammenschweißende Atmosphäre eines solchen Konzerts mal am eigenen Leib erfahren durfte, wird es verstehen – Musikgeschmack und Generationskonflikt hin oder her, BRING ME THE HORIZON wissen, wie man eine saftige Bühnendarbietung hinlegt. Auch wenn man sich stellenweise in die Zeiten der Backstreet Boys zurück versetzt fühlt, denn das helle Gekreisch übersteigt bei weitem den üblichen Geräuschpegel einer Applauspause und leider muss die Security auch immer wieder junge Mädchen aus der Menge fischen, deren Kreislauf dem Gequetsch und der tropischen Hitze im Pit nicht gewachsen ist.

Bring Me The Horizon bei ihrer ausverkauften Hannover Show

Bring Me The Horizon bei ihrer ausverkauften Hannover Show

Doch jeder, der noch Luft in seinen Lungen hat, grölt lautstark mit oder nimmt die Aufforderungen zum Crowdsurfen mächtig ernst.

Allzu gesprächig wirkt Oli im Gegensatz zu manch anderen Frontmännern nicht und so entsteht stellenweise der Eindruck, dass die Band es etwas eilig hat, fertig zu werden. Als die Zugaben mit „Drown“ ihr Ende finden, hängen die Fans aber auch nur noch japsend über der Absperrung und sehnen sich nach einem überdimensionalen Glas Wasser. Hey, ein paar Minütchen länger wären allerdings noch drin gewesen. Trotzdem beweisen BRING ME THE HORIZON, dass sie nach all ihren Jahren des Wachstums und der stilistischen Veränderung zwar nicht mehr die Aufs-Maul-Burschen der Anfangszeit sind, aber trotzdem noch zurecht „Ausverkauft“-Schilder an jeder ihrer Hallen anbringen dürfen.

Mehr Fotos von dem Abend gibt’s wie immer in unserer Galerie!

(Anne Catherine Swallow)