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Rock und Armut – Interview mit “ROCKBOTTOM” Produzent Martin Groß

“ROCKBOTTOM” ist ein dokumentarischer Musikfilm, der sich zurzeit in Produktion befindet. Er zeigt fünf Lebensgeschichten von Musikern aus aller Welt.. Die Stars des Films sind „Underdogs“, über alle Maßen talentiert, jedoch Tag für Tag mit ihrer eigenen Armut konfrontiert.

Im Dokumentarfilm des Regisseurs Marc Helfers geht es um die wahren musikalische Helden des weltweiten Underground, die ohne Geld, aber nicht ohne Ihre Musik leben können!

 ”ROCKBOTTOM” ist die Antithese zum ausgelutschten Mythos des Rock´n´Roll Superstars.

 

Wir sprachen mit dem Produzenten Martin Groß über das Filmprojekt.

 Martin, was interessiert euch an diesem Thema – Rock und Armut?

Wir sind mit der Neue Stereo Filmproduktion auf Musik spezialisiert. Und das macht wirklich großen Spaß. Natürlich haben wir größtenteils mit der Sonnenseite der Musik zu tun. Für Musikvideos und dokumentarische Arbeiten filmen wir Leute, die Erfolg damit haben und in den meisten Fällen auch gut von ihrer Musik leben können.
Uns hat der Gegenentwurf interessiert. Die Frage zu stellen, was ist mit den Leuten, wo das nicht geklappt hat. Es ist ja nicht so, dass die schlechter oder weniger begabt sind. Aus irgendwelchen Gründen hat es mit dem kommerziellen Erfolg nicht funktioniert oder vielleicht wollten sie es auch gar nicht oder haben es  zumindest nicht darauf angelegt. Da gibt es unglaublich viele Facetten. Es ist schön ein freies Projekt zu machen, dass sich über einen längeren Zeitraum entwickeln kann und die Zeit hat, zu atmen.

 

ROCKBOTTOM - Super Bad Brad, © Neue Stereo Filmproduktion

ROCKBOTTOM – Super Bad Brad, © Neue Stereo Filmproduktion

Sprechen wir über eure Protagonisten. Im Trailer zu Rockbottom erzählt Marc, er habe Super Bad Brad in einem Video gesehen und sei dann spontan nach New York geflogen, um ihn zu treffen. Wie ging es weiter? Und wie schnell nahm der Plan einen Film über Rock und Armut zu machen Gestalt an?

Das ist im Trailer etwas verdichtet. Es ist so, dass die Filmidee vorher schon bestand. Das Video von Super Bad Brad war dann so was wie ein Wink mit dem Zaunpfahl, ein Geschenk des Himmels oder wie immer man das nennen mag. Das passte einfach supergut zu unserer Geschichte, und mit dem Fokus darauf haben wir ihn dann getroffen.
Die Frage ist natürlich, wie trifft man solche Leute, denn das ist mitunter gar nicht so einfach. Möglicherweise sind die Allerbesten nicht mal im Internet zu finden. Man ist darauf angewiesen, dass diese Leute auch irgendwelche Spuren hinterlassen haben und so war das auch mit Super Bad Brad. Es gab da ein paar Sachen im Internet, die uns begeistert haben. Und wir dachten, das ist ein unglaublich cooler Typ und es lohnt sich, da mal etwas genauer hinzuschauen.

Neben Brad stellt ihr im Trailer und auf Facebook Texas Terri Bomb aus Berlin vor. Wie seid ihr auf sie aufmerksam geworden?

Viele Leute arbeiten an dem Film mit und unterstützen uns. Darunter ist die Grafikerin Anni Duese, mit der wir schon häufig zusammengearbeitet haben und die auch an diesem Projekt mitarbeitet. Sie sagte: „Ihr seid ja lustig, fahrt extra nach New York… Nur ein paar Straßen weiter gibt es ne Knallerfrau!“ Wir kannten Texas Terri  vorher nicht… Und da hat sich dann eine ganze Welt aufgetan… ein wahrer Schatz… Sie hat mit ihren knapp 60 Jahren schon eine Menge erlebt und ist in der Punkszene eine legendäre Person. Aber das äußert sich nicht in einer Villa mit goldenen Wasserhähnen. Sie kann sich für ihren legendären Status nichts kaufen und hat ganz schön zu kämpfen. Und wir sind auf der Suche nach Kämpfernaturen.
Es geht uns nicht darum, einen traurigen Film zu machen und Musiker zu zeigen, denen es schlecht geht. Uns interessieren Leute, die an ihrem Traum festhalten und da ihr ganzes Herz und ihre Energie reinstecken. Wo im Zweifelsfall auch das Geld verdienen nicht unbedingt an erster Stelle steht, und Terri ist so eine. Sie hat Power, steckt in einer schwierigen Situation und sie kämpft!

ROCKBOTTOM - TexasTerry, © Neue Stereo Filmproduktion

ROCKBOTTOM – TexasTerry, © Neue Stereo Filmproduktion

Insgesamt sollen ja fünf Musiker portraitiert werden. Sied ihr da schon komplett?

Wir haben Ideen und halten die Augen auf. Komplett sind wir noch nicht, aber das ist auch das kleinste Problem. Es gibt so viele interessante Musiker auf der Welt. Wir wollen auch Orte auswählen, die Teil der Geschichte sind.
Bei Brad ist es so, dass er eine Art Relikt aus einem alten New York ist. Inzwischen hat sich die Stadt wahnsinnig verändert und kommerzialisiert. Er fühlt sich wie ein Dinosaurier dort, der da auch gar nicht mehr so richtig hingehört.
Uns interessiert auch die Verbindung der Menschen zu ihrem Ort. Idealerweise würden wir auch gerne auf verschiedene Kontinente schauen, z. B. jemanden aus Afrika portraitieren, der unter ganz anderen Lebensumständen lebt. Aber inwieweit das möglich ist, hängt natürlich auch an der Finanzierung, deshalb haben wir uns da noch nicht festgelegt. Wir wollen aber auch offen bleiben. Es gibt so Viele und wir wollen die letzten Drei finden, die dann auch in der Gesamtbalance des Films die besten sind.

Ich stelle mir das schwierig vor. Die Welt ist ja nun mal ziemlich groß. Geht ihr bei eurer Suche dann von bestimmten Orten aus? Es war ja mal von Dublin oder Kingston Jamaika die Rede.

Ja. Dublin ist eine Stadt, die traditionell mit Armut zu kämpfen hat. Wie in vielen westlichen Städten gibt es Parallelwelten. Reichtum auf der einen Seite und einer großen Off-Szene auf der anderen Seite. Sicherlich geht man auch immer davon aus, was man kennt. Wir waren in den letzten Jahren für Projekte viel im Ausland unterwegs und da ist natürlich einiges hängengeblieben, und es sind Kontakte zu Leuten entstanden, die uns Tipps geben können. Natürlich gibt es auch Länder, auf die wir vielleicht noch gar nicht gekommen sind, weil wir keine Verbindung dazu haben. So spielt natürlich auch immer etwas Willkür mit hinein. Man geht das individuell an, aber uns geht es darum interessante Protagonisten zu finden und dass der Ort, in dem sie leben, auch etwas mit ihrer Situation zu tun hat.

ROCKBOTTOM - SuperBadBrad, © Neue Stereo Filmproduktion

ROCKBOTTOM – SuperBadBrad, © Neue Stereo Filmproduktion

Ihr geht bei der Suche also vornehmlich von eurem persönlichen Netzwerk aus?

Nicht zwingend. Bei den Beiden, die wir jetzt haben waren es zwei ganz unterschiedliche Wege. Super Bad Brad fanden wir über eine Internetrecherche und Texas Terri kam übers eigene Netzwerk. Wir sind da offen. Aber die Suche nach den weiteren Protagonisten, steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht im Vordergrund.

Habt ihr vor die Musiker über einen längeren Zeitraum zu begleiten?

Idealerweise ja. Es ist natürlich eine Frage der Kosten. Super Bad Brad haben wir komprimiert in einer Woche gedreht. Wäre natürlich schön, noch fünfmal nach New York zu fliegen oder dort Monate zu verbringen, aber das geht finanziell nicht. Bei Texas Terri, die ein paar Straßen weiter wohnt, kann man es natürlich machen. Aber realistisch ist es wohl, komprimiert zu arbeiten.

 

ROCKBOTTOM - SuperBadBrad, © Neue Stereo Filmproduktion

ROCKBOTTOM – SuperBadBrad, © Neue Stereo Filmproduktion

Der Blues wurde aus Not, Elend und Entbehrung geboren. Ist Leid notwendig um große Musik hervorzubringen?

Das ist eine der Kernfragen des Films. Es wäre aber anmaßend zu sagen, wir hätten die Antwort darauf. Vielleicht ist das die zentrale Frage jeder Kunst. Muss ein Künstler leiden, damit er gute Kunst macht? Muss er sich ein Ohr abschneiden? Oder kann auch jemand, der total in sich ruht und zufrieden ist, trotzdem noch große Kunst herstellen. Wir werden dieser klassischen Frage nachgehen und auch versuchen eine kleine individuelle Antwort zu liefern. Es wird Teil der Gespräche sein, die wir führen werden. Wir nehmen das als Möglichkeit: Vielleicht kann jemand, der nicht in den Zwängen der kommerziellen Verwertbarkeit steckt, seine Kunst freier machen, aber vielleicht ist er auch zu sehr damit beschäftigt, nicht zu verhungern oder sich darum zu kümmern, dass es nicht reinregnet. Vielleicht hat er so einfach nicht die Zeit, die ein anderer hat, der sich um diese Sachen nicht mehr kümmern muss. Es ist eine unentschiedene Frage, der wir gerne nachgehen wollen.

Ihr macht eine Teilfinanzierung durch Crowdfunding. Wie ist das angelaufen, wie war die Resonanz?

Wir machen das zum ersten Mal mit dem Crowdfunding. Bisher wurden wir ja immer von unseren Auftraggebern finanziert. Wir sehen das als freies Projekt. Da war es eine ideale Möglichkeit, das mal auszuprobieren. Wir sind momentan sehr angetan von der Unterstützung, die wir erfahren haben – finanziell wie ideell und es gibt wahnsinnig gutes Feedback. Viele prominente Musiker haben uns Unterstützervideos geschickt. Es wird wie verrückt auf Facebook usw. geteilt. Wir haben schon etliche Interviews gegeben. Wir sind da total happy, dass ein so großes Interesse an dem Film besteht und das bestärkt uns auch, mit dem Projekt weiterzumachen. Mit dem Geld ist es natürlich ein mühsamer Weg, aber wir glauben dran und halten den Ball hoch. Das  Crowdfunding läuft zwei Monate. Zwei Wochen sind jetzt rum. Wir arbeiten hart daran, das weiter zu verbreiten und in Kreise hineinzutragen, wo es sich verselbstständigt.

 

ROCKBOTTOM - Logo, © Neue Stereo Filmproduktion

ROCKBOTTOM – Logo, © Neue Stereo Filmproduktion

Habt ihr euch eine Deadline gesetzt, wann der Film fertig sein soll?

Idealerweise möchten wir in zur Berlinale im nächsten Jahr fertig haben. Daran halten wir fest, wir hoffen natürlich, dass sich das realisieren lässt.

Wie stellt ihr euch die weitere Auswertung des Films vor?

Zunächst  möchten wir natürlich gern mit dem Film auf Festivals touren. Wir haben sogar schon jetzt, ohne dass der Film bereits existiert, Anfragen und positive Rückmeldungen. Das gibt uns das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, und es scheint etwas in den Leuten zu berühren.
Wir würden den Film dann auch gerne danach regulär mit ein paar Kopien ins Kino bringen. Dann wird es auch ein DVD Release geben. Am Ende dann vielleicht auch eine Fernsehauswertung. Aber wir wollten nicht von vornherein fürs Fernsehen produzieren, weil wir es idealerweise in unserem Tempo angehen wollten und dabei den, nach unseren Ideen, bestmöglichen Film zu gestalten.

Vielen Dank für das Interview. Ich bin schon sehr auf den fertigen Film gespannt.

Hier noch der Crowdfunding Link zu diesem unterstützenswerten Projekt: IndieGoGo – ROCKBOTTOM

Homepage – Neue Stereo Filmproduktion
ROCKBOTTOM – SONGS OF NO MONEY bei Facebook

(Mick Baltes)

 

©Sound Infection 2015