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Rock am Härtsfeldsee 2017: Family in Black

Was bringt mehrere Tausend Metalheads dazu, sich auf einem dürren, staubigen Stoppelfeld im Osten der Schwäbischen Alb zu treffen, Zeltstädte zu errichten und Bölkstoff in den Hals zu leeren? Klaro – das kleine aber feine Heavy Metal Festival Rock am Härtsfeldsee in Dischingen.

Onkel Tom

Onkel Tom

Die zusammengerechnet knapp 8000 Metal-Jünger, die sich dort am 23. und 24. Juni schon zum 21sten Mal versammelt haben, kann man schon als Family in Black bezeichnen. Und „Familie“ ist dort durchaus wörtlich zu verstehen. Auf wenigen Heavy-Metal-Veranstaltungen sind so viele Kinder aller Altersklassen zu sehen – ordentlich mit Gehörschutz ausgestattet, versteht sich. Noch immer ist das „RaH“ ein Geheimtipp, obwohl es auf kaum einem der ernstzunehmenden Metal-Open-Airs so wenig Kommerz-Nepp, so faire Preise und so gut gelaunte Ordner gibt. An den oft sommerlich heißen Tagen gehen die Schwarzkittel im Härtsfeldsee baden, einige auch gern mal in Kilt und Kutte mit einem Bier in der Hand. Oder hängen im gemütlichen, aber lahmarschig bewirtschafteten Biergarten ab.

Auch heuer hat Ausrichter Jugend Dischingen wieder namhafte Live-Acts auf die Zelt-Bühne geschickt. Nachdem Skeleton Pit und The New Roses am Freitag den ersten Fans eingeheizt hatte, sorgte Tom Angelripper alias „Onkel Tom“ vermutlich für den Bierumsatz des Jahres auf der Alb. Derbe Sauflieder in Metal getunkt und dann in der brüllenden Sommerhitze gebraten – so lautete die einfache, aber wirkungsvolle Rezeptur des (Ruhr-)Pottheads. Das ließ die Stimmung im Zelt steigen und das Bier die Kehlen hinabströmen.

Stratovarius

Stratovarius

Stratovarius war das erste Kapitel aus einem skandinavischen Zweiteiler, der die Highlights des Abends zusammenknöpfte. Hier ging es nicht nur ums Saufen, sondern auch um alle anderen Themen, die Metalheads täglich umtreiben: Umweltverschmutzung, Unterdrückung oder das Andenken an verflossene Freunde. Die Finnen um Gesangs-Genie Timo Kotipelto sprühten nicht nur vor Schweiß, sondern auch vor Spiellaune. Hits von ehedem wie „Black Diamond“ wechselten sich ab mit weltbekannten Gassenhauern a la „Hunting High and Low“, Material vom letzten Album wie „My Eternal Dream“ und gnadenlose Mitgröhl-Hymnen vom Schlage eines „Unbreakable“.
Dann folgte der nächste Paradigmenwechsel auf den Brettern, die den Metal bedeuten. Mit Sepultura kam eine altgediente Thrash-Band, die sich mit den letzten Alben und dem Weggang der Cavalera-Brüder stark gewandelt hatte. Neue Einflüsse haben die Brasilianer hinzugewonnen, andere wiederum über Bord geworfen. Doch der Kombo um Shouter Derrick Green fehlte die Abstimmung und auch die Aussteuerung. Phasenweise waren einzelne Instrumente gänzlich verschwunden. Dennoch gaben sich die Südamerikaner redlich Mühe, zumindest noch einen mäßigen Gig hinzulegen, und so wechselten sich alte Kracher wie „Roots Bloody Roots“ und „Inner Self“ ab mit neuerem Material von der noch druckfrischen Scheibe „Machine Messiah“.

Sepultura

Sepultura

Neue Einflüsse? Nicht beim Headliner Hammerfall! Warum auch? Der groovige Melodie-Metal funktioniert bereits seit zwei Jahrzehnten unverändert und gehört mittlerweile zu den Festivals wie warmes Büchsenbier und verkohltes Grillfleisch. Da sind große Überraschungen nicht zu erwarten. Einerlei: die Fans zeigten sich begeistert von fallenden Hämmern wie „Bloodbound“, „Hearts On Fire“ und „Let the Hammer Fall“. Und die Truppe um Joacim Cans bewies einmal mehr, warum sie so häufig an der Spitze der Billings stehen.

Am Samstag eröffneten Witchbound und Unleash the Sky, bevor auf der Bühne abermals die Promillezahl in die Höhe schoss. Sprit-Thrasher Tankard hauten in die Saiten, als wollten sie auch noch den letzten Tropfen Bier aus den Stahlsträngen herauspressen. Dabei machten sie nicht einmal vor Rock-Klassikern von Simon & Garfunkel halt. Wo immer die Frankfurter hinkommen: Das Publikum liebt sie für ihre Authentizität ohne jedes Stargehabe. Und das gnadenlose Einheizen mit Thrash Metal alter Schule.

Lordi

Lordi

Das musikalisch größte Highlight des Tages setzten Lordi – und das optische sowieso. Im feinsten Monster-Ornat rockten die Finnen das Zelt. „Es ist seeeehr heiß“, kratzte Sänger und Ober-Zombie Tom Putaansuu seine paar Brocken Deutsch zusammen. Und dass die fünf in Latex-Fummel gehüllten Musiker nicht am Frieren waren, bewiesen die Schweißspuren, die sie auf der Bühne hinter sich her zogen. Trotzdem rammten die Ungetüme ihrem Publikum Kracher wie „Would You Love a Monsterman?“, „Who’s Your Daddy“ und den Eurovision-Songcontest-Sieger „Hard Rock Hallelujah“ in die Gehörgänge.
Nicht weniger zu sehen gab es beim Co-Headliner des Tages Saltatio Mortis. Mit ihrem Mittelalter-Metal mit reichlich Sackpfeifen- und Drehleier-Begleitung brachten sie die Menge zum Kochen. Und angesichts der schön anzuschauenden Pyro-Show hätte man über eine tropfende Zeltplane nicht überrascht sein dürfen. Neben dem bekannt folkigen Klamauk-Material schlugen die drahtigen Totentänzer mit „Früher war alles besser“ und dem genial arrangierten „Wachstum über alles“ sogar sozialkritische Töne an.
Um die ging es beim Headliner überhaupt nicht. Spaß-Metaller J.B.O. rockten wie gewohnt in Pink die ebenfalls in der kaum erträglichen Farbe gehaltenen Bühne und machten sich über alle Metal-Klischees a la „Farbe egal, Hauptsache schwarz“ lustig. Wer auf den Klamauk-Metal der Franken steht, hatte riesen Spaß. Und wer nicht, für den gab es ein großes Getränkeangebot und eine Menge lustiger Gesprächspartner. Und letzteres ist unter Schwermetallern selbstverständlich. Denn immerhin ist man ja ein Mitglied der Family in Black.

Klickt hier für die volle Bildergalerie von Tag 1 und Tag 2!

(Text & Fotos: Harry Häberle)

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