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M’ERA LUNA: Nachbericht von Tag 2

Wenn vor lauter Wut nur noch Tanzen hilft.

Wenn vor lauter Wut nur noch Tanzen hilft.

Da die Temperatur bereits am frühen Morgen Höhen erreicht, die den klassischen Goth in wilde Panik versetzen, wird der zweite Tag des M’ERA LUNAs etwas ruhiger angegangen und der Hangar erfreut sich durch seine schattigen Plätzchen einer enormen Beliebtheit. Das kommt ABSOLUTE BODY CONTROL nur zu Gute, auch wenn die verirrten Rocker etwas skeptisch vor der Bühne stehen und sich darüber wundern, wie man mit einem Tisch voller Elektrokram und einem Sänger tatsächlich Musik zusammenbrauen kann. Wirr zappelt Frontmann Dirk Ivens sich durch minimalistische Elektropop Tracks, die aber leider ohne große Highlights auskommen.

Auf der vor Hitze glühenden Mainstage geht es dafür umso rasanter weiter. Wir sind wie das Meer und außerdem verdammt tanzwütig, oh ja! Als die Truppe um Frontmann Teufel die Bühne erklimmt, tobt die Menge und vergisst für einige Momente das verhasste Wetter. TANZWUT dudelsacken und hopsen wie immer mit Bravour durch ihr Set, zeigen dass die Menge in bester Mitsinglaune und trotz manchem Kater bereit für die nächste Party ist.

Mitgröhlfeeling trotz Bassinvasion bei Apoptygma Berserk

Mitgröhlfeeling trotz Bassinvasion bei Apoptygma Berserk

TYING TIFFANY im Hangar lässt es stattdessen ruhiger angehen. Mit hypnotischer Stimme schüttelt die hübsche Italienerin ihre pinke Bobfrisur, tanzt wie in Trance und sorgt für eine verträumte Atmosphäre, die kurze Momente in andere Dimensionen blicken lässt. Manchmal sonderbar, hauptsächlich jedoch voller Charisma und Charme.

Zu Beginn der Show scheint JOACHIM WITT noch nicht ganz wach und schläfert auch das Publikum ein. Die Neue Deutsche Welle Legende fährt jedoch rasch zu Hochtouren auf, schleudert rammsteinmäßige Riffs um sich und sorgt auch mit seiner markant tiefen Stimme immer wieder für Till Lindemann Assoziationen. Das ist jedoch nicht weiter schlimm und schade ist nur, dass nicht auch Peter Heppner das diesjährige Line Up beglückt, mit dem Herr Witt seinen dramatischen Kulthit „Die Flut“ hätte performen können. Trotzdem gelingt es dem 66-jährigen, sowohl alt als auch jung vor der Bühne zu versammeln und ganz Hildesheim grölt ‘Hey hey hey, ich bin der goldene Reiter…’.

Obwohl die Norweger von APOPTYGMA BERSERK mit ihrem Elektropop immer wieder gern gesehene Gäste auf dem M’ERA LUNA sind, übersteuert die Soundtechnik die Basslautsprecher bei ihrem Auftritt so sehr, dass es kaum erträglich ist, sich in der Nähe der Bühne niederzulassen. Viele Fans retten sich bereits mit Brummschädel zu den Fressständen, was schade ist, denn ihre alten Hits wie ‘In This Together’ oder ‘Until The End Of The World’ sind unschlagbare Evergreens, auch wenn der Placebovergleich nie ganz ausbleibt.

Einstürzende Neubauten

Einstürzende Neubauten

Während MONO INC ihre Ohrwurmhits wie ‘Symphony Of Pain’ oder ‘Voices Of Doom’ an den Mann bringen, braut sich vor dem Sonic Seducer Stand eine Schlange zusammen, die gefühlt bis zum Campingplatz reicht. NIGHTWISH versuchen in Fließbandmanier so viele Fans wie nur möglich mit Autogrammen zu bestücken, doch die Schlange will und will nicht kürzer werden, obwohl Floor Jansen und ihre Jungs ganze Arbeit leisten. Die Securitymänner sind in vollem Einsatz, sorgen für Wassernachschub bei den wartenden Fans und versuchen dem Andrang Herr zu werden und Vordrängler in die Bahnen zu weisen. Trotz Chaos: Danke an die Band, dass sie trotz ihren Headlinerstatus noch so fannah ist und überhaupt eine Autogrammstunde abhält.

Obwohl die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN einen Kultflair mit sich bringen, fällt Hildesheim in einen Schlafzustand während die Band ihr einstündiges Set herunterbetet und so mancher sich wünscht, stattdessen doch lieber der Show von NACHTMAHR beigewohnt zu haben. Minimalistische Songs, die nur durch gelegentlichen Noise zum Aufwachen animieren, mögen zwar sicherlich ihre Daseinsberechtigung haben, zwischen den rockigen MONO INC und NIGHTWISH sorgt die Truppe aber leider nur für ein Gähnen.

Pure Perfektion bei Nightwish

Pure Perfektion bei Nightwish

NIGHTWISH übertreffen sich allerdings wieder einmal selbst. Bereits vor zwei Jahren lieferte Finnlands größter Export eine legendäre Show mit der damals noch frisch eingetopften Floor Jansen, heute schießen sie aber mit ihren monstruösen Pyroeffekten wortwörtlich den Vogel ab. In die viel zu kurze Spielzeit stopfen sie alles, was nur von ihrem neuen Album „Endless Forms Most Beautiful“ hineinpasst, aber auch alte Tracks aus längst vergessenen Zeiten wie ‘Stargazers’ wird von der holländischen Furie so perfekt dargeboten, dass kein Mensch mehr auf die Idee kommt, nach Tarja Turunen zu brüllen. Die zehnminütige Hymne ‘Ghost Love Score’ sorgt für fließende Tränen bei der ganzen Masse und wieder einmal zeigen NIGHTWISH, dass sie nicht umsonst als eine der besten Bands der heutigen Zeit angesehen werden.

Wem noch nicht die Augenbrauen von den Pyros weggelodert sind, der pilgert zufrieden auf den Campingplatz, auf dem die Party noch mit Leuchtstäbchenlimbo weitergefeiert wird. Wieder geht ein viel zu kurzes Festival zu Ende, aber die wilde Gruftibande weiß genau: Es wird ein nächstes Jahr geben.

Weitere Fotos von Sonntag gibt es in unserer Galerie und den Bericht von Samstag findet ihr hier!

©Sound Infection 2015