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Das neue Album "Heroes" erscheint am 16. Mai über Nuclear Blast (Foto: Ryan Garrison)

Interview mit Sabaton: Veteranen, Boote und wann Pär zum Tier wird

Ein Interviewmarathon ist immer so eine Sache – normalerweise darf der Journalist, der die späteren Termine erwischt, sich auf einen genervten, übermüdeten Musiker einstellen, der es satt hat, immer wieder dieselben Fragen gestellt zu bekommen, weshalb mich ein leichter Anflug von Panik packte, als mein Slot von 9 Uhr morgens auf 19 Uhr verschoben werden musste – doch was am anderen Ende der Leitung letztendlich auf mich wartete, war das komplette Gegenteil von Schnarchalarm. Denn Pär Sundström, Bassist und Songwriter von SABATON lässt sich eigentlich nur als fluffiger Teddybär mit Marshmellowfüllung beschreiben, der trotz völliger Übermüdung beinah vierzig Minuten am Stück plapperte, lachte und sein Leben abfeierte. Hier findet ihr nun die kompakte Version dessen, was der Power Metal Kriegschef zu erzählen hatte:

Hallo Pär, bist du noch lebendig? Wie hast du es geschafft, deinen zehnstündigen Interviewtag hinter dich zu kriegen, bekamt ihr Kaffeeinfusionen?

Mit dem Kopf durch die Wand und immer gut gelaunt: Sabaton (Foto: Ryan Garrison)

Mit dem Kopf durch die Wand und immer gut gelaunt: Sabaton (Foto: Ryan Garrison)

Pär Sundström: Nein, so schlimm war es gar nicht, ich trinke auch selten Kaffee. Ich kam allein dadurch durch den Tag, dass ich genieße, was wir hier tun, ähnlich wie auf der Bühne. Auf Tour schlafe ich auch häufig nicht viel, aber sobald ich die Energie vom Publikum spüre, bin ich wieder hellwach. Es ging jetzt eine ganze Woche, in der wir Promo für unser neues Album gemacht haben und es waren vermutlich die anstrengendsten Tage meines Lebens: Um fünf aufstehen, zum Flughafen düsen, zwölf Stunden Interviews geben, abends noch mit den Vertretern der Plattenfirma essen gehen – und am nächsten Morgen alles auf’s Neue. Natürlich ist das stressig, aber ich bin so froh, es machen zu dürfen, denn bei unserem letzten Album „Carolus Rex“ hatte uns niemand gebeten, überhaupt so ausgiebig mit der Presse zu reden, weil die Nachfrage nicht da war. Und was gibt es Besseres, als Leute, die sich für deine Musik interessieren?
Ständig höre ich von Kollegen aus anderen Bands, dass es sie nervt, zu reisen und immer über ihre Musik reden zu müssen, aber ich sehe das ganz anders: Zuhause habe ich Freunde, die davon träumen würden, jeden Tag an einem anderen Flughafen zu warten, CDs zu hören und mit ihren engsten Freunden abzuhängen. Das ist kein Stress, sondern ein unglaubliches Privileg meiner Ansicht nach, selbst wenn man dabei häufig unter Druck steht. Mann, ich liebe jeden Aspekt meines Jobs!

Was genau tust du denn, wenn du stundenlang am Flughafen warten musst oder den ganzen Tag in eurem Tourbus fährst?

Ich bin zusätzlich der Manager der Band, deshalb habe ich viel Organisatorisches zu erledigen, ich telefoniere, schreibe Mails, all sowas. Außerdem zeichne ich einiges von unserem Design, und so nutze ich die Zeit zum Malen, Skizzieren und Entwerfen. Und wenn das erledigt ist, schaue ich Fern. Aber nur Filme, bei Serien werde ich zu schnell süchtig und komme nicht mehr vom Bildschirm weg!

Oh Gott, ich weiß was du meinst, das Problem hatte ich erst mit „Breaking Bad“…

Kürzlich habe ich mich auf „The Walking Dead“ eingelassen und wurde zum Tier, nachdem ich plötzlich mitten in der Staffel aufhören musste, weil bisher noch nicht alle Folgen veröffentlicht wurden. Kalter Entzug!!

Dann lass uns mal über euer neues Album „Heroes“ reden, falls es dir noch nicht zum Hals heraushängt! Ich schätze, du musstest heute schon bis ins kleinste Detail erörtern, wie es sich anhört, also mal eine Gegenfrage: Was willst du NICHT darüber in den Zeitungen lesen?

Dass es langweilig und beschissen ist! (lacht)

Liest du überhaupt noch Reviews oder schottest du dich lieber davon ab, was Journalisten denken?

Ich lese viele davon! Es ist auch wichtig, zu erfahren, was Leute denken, schließlich könnten wir ohne die Unterstützung anderer nicht leben! Sicher macht man sich aus der Meinung von Fans etwas mehr als aus der von Journalisten, aber beide sind extrem wichtig. Wenn ich zwei Wochen zurückdenke, weiß ich noch, wie ängstlich ich war, die ersten Reaktionen zu „Heroes“ zu hören, aber jetzt, wo ich weiß, dass sie größtenteils positiv ausfielen, fühle ich mich wieder wohl in meiner Haut und kann gar nicht erwarten, dass es veröffentlicht wird! Am besten wäre eigentlich… JETZT!

Als Bonus-Track habt ihr „For Whom The Bell Tolls“ von Metallica gecovert und ich habe gelesen, es sei das erste Stück gewesen, dass du jemals live performt hast – wann und wo war das denn?

Oh Mann… vor 16 oder 17 Jahren waren wir eine vierköpfige Gruppe langhaariger Teenies in der Schule, die eine Band gründen wollten. Die meisten von uns hatten keine Ahnung von Instrumenten, aber einer war ein guter Gitarrist und er sagte, er würde mir Bassspielen beibringen.
Er war damals ein großer Metallica-Fan und deswegen landeten wir auch schnell bei diesen Stücken. So wurde das erste Lied, das ich auf der Bühne spielte „For Whom The Bell Tolls“ und es bedeutet mir heute noch extrem viel, damit ins Studio gehen und es aufnehmen zu dürfen. Leider ohne meinen alten Freund, aber er ist sehr stolz auf das, was er mir beibrachte und was ich daraus machte.

Pär Sundström (1. von links) Foto: Ryan Garrison

Pär Sundström (1. von links)
Foto: Ryan Garrison

Was ist von dem neuen Album dein Lieblingssong und was erzählt er für eine Geschichte?

Oh, schwere Frage… Bisher gab es auf unseren Alben immer Songs, die ich mehr oder weniger mochte als andere, bei diesem hier aber nicht. Wir setzten uns sogar zusammen und diskutierten darüber, kamen aber zu keinem Entschluss. Da also kein Song herausstach, dachten wir: Entweder wir haben ein großartiges Album geschrieben oder ein total beschissenes (lacht)
Live wollen wir alle Lieder spielen und das werden wir vermutlich auch tun, die Fans können gerne Vorschläge machen, denn wenn sie Spaß haben, ist es für uns ja umso cooler.

Also macht ihr auch bald eine Setlist-On-Request wie Metallica diesen Sommer?

Was Metallica da machen, ist ja sehr vorhersehbar und die Leute klicken das an, was die Band sonst auch immer spielt – bei uns wäre das vermutlich ähnlich, manche Tracks muss man einfach immer spielen. Wir mögen es lieber, die Fans zu überraschen, indem wir uns im Internet schlaulesen, welche Songs heimlich besonders gefragt sind. Meist haben wir 40 Songs für eine Tour vorbereitet und wechseln diese dann jeden Abend, mit dem neuen Album werden wir es genauso machen.

Dass euch bei euren historischen Themen nie die Ideen ausgehen werden, ist mir klar, die Auswahl ist ja unbegrenzt – nicht aber das Vokabular. Wie schafft ihr es, nach so vielen Alben euch in dem, was ihr singt, nicht chronisch zu wiederholen?

Nun, irgendwo gibt es immer Wiederholungen, weil es auf der Welt ja nur ein begrenztes Vokabular gibt, was soll man denn statt „Panzer“ noch alles sagen? Bei unserem neuen Album „Heroes“ ist das aber leichter geworden, da wir nun nicht auf große Armeen, sondern Individuen schauen und deren eigene Geschichte beleuchten. Natürlich hat somit jeder Track seine eigene Note und eigenen Begriffe.

Der Aspekt ist wirklich interessant, hast du ein Beispiel für eine Geschichte auf Lager?

Alle sind sehr emotional, eine jedoch besonders, finde ich. „Inmate 4859“ erzählt von einem polnischen Soldaten, der gegen das Geschehen in Auschwitz war, doch niemand wollte ihm glauben, was da wirklich vor sich ging. Deshalb beschloss er, eine neue Identität anzunehmen und sich verhaften zu lassen, um das KZ mit eigenen Augen von Innen zu sehen. Dort sammelte er so viele Beweise und Dokumente, wie nur möglich und floh aus dem Lager. Als er diese jedoch seiner Regierung zeigte, glaubte man ihm nicht und völlig hoffnungslos ging er zurück in den Krieg. Später wurden diese Dokumente zu den wichtigsten Beweisstücken im Nürnberger Prozess. Mich fasziniert diese Geschichte unheimlich und sie ist schon lange in unserem Archiv, wir hatten bisher nur noch nicht das richtige Album für sie gemacht. Demnach setzten wir bereits vor 4 Jahren, als wir den Song schrieben, den ersten Meilenstein für „Heroes“.

Hattet ihr bisher die Gelegenheit euch solche Kriegsgeschichten von echten Veteranen erzählen lassen zu dürfen oder basieren eure Songs nur auf Gelesenem?

Das meiste lesen wir oder sehen es bei Dokumentationen. Oftmals schicken uns auch Fans ihre Ideen, wenn sie etwas gefunden haben und daraus machen wir dann einen Liedtext.

Trotzdem gehe ich davon aus, dass ihr bereits Kriegserfahrene getroffen habt, da ihr Ehrenmitglieder bei den „Scions Of The 17th Division“ seid, ein Zusammenschluss aus Veteranen der Luftlandedivision – richtig? Was sagten die Leute dort zu eurer Musik?

Natürlich sind die wenigsten davon Metalheads, deswegen fanden wir es anfangs schwer, aber viele sagten uns dennoch, dass unglaublich starke Emotionen in den Songs vorhanden seien, die sie sehr treffend fanden. Sogar abgesehen von den Lyrics.

Ihr beschäftigt euch mit nichts anderem als Kriegen im Prinzip, trotzdem wirkst du nicht wie der typische Soldat – wenn morgen ein dritter Weltkrieg ausbrechen würde, was tätest du?

Vermutlich nicht viel, da ich die Welt nicht ändern kann. Wir versuchen es ja auch gar nicht, weil wir keine politische Band sind, wir singen nur über Geschichte und hoffen, dass sie sich nicht wiederholt. Aber im Falle eines Krieges wäre ich nicht sehr scharf darauf, auf’s Schlachtfeld zu ziehen, ich würde nur kämpfen, wenn Leute mir die eigene Haustür eintreten.

Also warst du auch nie bei der Bundeswehr?

Nein, in Schweden ist es keine Pflicht. Aber auch so habe ich mich damals dagegen entschieden, weil ich nicht so lange von der Band getrennt sein wollte und im Nachhinein bin ich sehr froh, Zuhause geblieben zu sein.

 

Das neue Album "Heroes" erscheint am 16. Mai über Nuclear Blast (Foto: Ryan Garrison)

Das neue Album “Heroes” erscheint am 16. Mai über Nuclear Blast (Foto: Ryan Garrison)

Was ist für dich persönlich ein Held (also ein „Hero“)?

Jemand, der sich für andere aufopfert und Gutes tut, ohne dabei an sich selbst zu denken. Nicht nur in Kampfsituationen, sondern ganz alltäglich, es gibt so viele Helden in unserer Umgebung! Leute, die Zivilcourage zeigen, Fremden helfen, und so weiter.

Als ich kürzlich mit Dark Tranquillity sprach, meinte Mikael Stanne, dass er es für nicht sehr wichtig hielt, dass Bands durch ihr Aussehen auffallen oder generell einen besonderen Stil haben, sondern dass es mehr auf die Musik ankommt. Aber ihr hingegen seid nun einmal international bekannt als „diese Kriegs-Kerle“ – denkst du, dass es für Sabaton wichtig ist, dass man euch sofort auf eine bestimmte Sache festnageln kann?

Absolut. Mit irgendetwas muss man herausstechen, gerade in Schweden, wo an jeder Ecke eine Heavy Metal Band steht. Viele davon sind absolut großartig, aber dennoch schaffen sie nicht den großen Durchbruch, weil sie sich nur ihre Musik anschauen und den Rest ignorieren. Ebenso schädlich ist es, wenn Bands von zu großen Egos angeführt werden, die sich zu toll dafür halten, mit anderen Hand in Hand zu arbeiten. Sie sehen sich als enorm wichtig an und finden alles, was man ihnen anbietet, unter ihrer Würde – teilweise wollen sie ja nicht einmal mehr ihre größten Hits spielen, weil ihnen das „zu simpel“ geworden ist. Überlege dir mal, wo Deep Purple heute wären, wenn sie sich geweigert hätten, das simple Riff von „Smoke On The Water“ zu spielen! Keiner käme mehr zu den Shows! Dabei müssen die Leute verstehen, dass sie in erster Linie Unterhalter sind und dann erst Künstler, man muss eine coole Show auf die Bühne bringen, ansonsten schlafen die Leute ein und wollen dich nie wieder sehen!

Also wirst du niemals sagen „Ich spiele ‘Primo Victoria’ nicht mehr live, ist mir zu doof“?

Nein. Solange die Fans es hören wollen, spiele ich es auch, denn sie wollen wir ja glücklich machen. Alles andere wäre dumm von uns und außerdem liebe ich den Song auch (lacht)

Momentan scheinen Festivalkreuzfahrten ja aus dem Boden zu schießen und jede Band entwickelt ihre eigene, Sabaton haben jedoch schon seit 5 Jahren ihr eigenes Festival – wie erklärst du dir diesen Boots-Hype?

Es ist herrlich zusammengepackt und gemütlich auf einem Schiff, aber diese großen Cruises sind ja ganz anders als die, die wir machen. Normalerweise gibt es tausend verschiedene Fans, die alle eine andere Band sehen wollen, bei der Sabatoncruise hast du stattdessen 2.000 verrückte Sabaton Fans auf einem Fleck (lacht). Das ist das genialste, das wir uns vorstellen können, jeder kennt deine Liedtexte, es ist einfach perfekt.

Du lässt dich also freiwillig zwei Tage mit 2.000 deiner Hardcore-Fans auf einem Boot einschließen..?

(lacht) Klar. Wir spielen zwei Shows an verschiedenen Abenden, improvisieren teilweise, albern herum, und machen was wir wollen.

Pär, ich danke dir ganz herzlich für dieses lange Interview noch so spät am Abend. Wir freuen uns auf „Heroes“ und die Sommerfestivals! Bis dann!

(Interview: Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015