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Nick And The Roundabouts bleibt vorerst eine Ein-Mann-Band (Foto: Kristina Schippling)

Interview mit Nick And The Roundabouts: „Ich will nicht machen, was alle machen“

Nicht viele schaffen es, ein musikalisch derart abgeschmacktes Thema wie Liebe tiefgründig und emotional in Worte und Noten zu fassen. Zu diesem elitären Kreis darf sich Nick And The Roundabouts, ein walisisch-deutsches Ein-Mann-Projekt, mit seiner aktuellen Platte „Woe To Live On“ zählen. Sound Infection verriet Nick in einem sehr offenen Gespräch, warum er kein politischer Singer-Songwriter sein möchte, wieso niemand in Wales Fußball spielen kann und mit wem er gerne mal einen Song aufnehmen würde. Außerdem klärte er, was das Ganze mit den Roundabouts eigentlich soll.

Nick And The Roundabouts im Gespräch mit Sound Infection (Foto: Kristina Schippling)

Nick And The Roundabouts im Gespräch mit Sound Infection (Foto: Kristina Schippling)

Nick, du bist Waliser…

Ja, da bin ich stolz drauf. Das ist sehr wichtig.

…aber du bist auch Deutscher. In welcher Kombination?

Meine Eltern sind beide in Wales geboren. Meine Oma ist in Deutschland geboren, mein Opa kommt aus Wales. Meine Oma ist wegen meinem Opa nach Wales gegangen. Ich habe dort gelebt, bis ich sieben war und bin dann nach München. Meinen Akzent konnte ich nie ganz ablegen. Ich finde, man hört es immer noch.

Kannst du Walisisch sprechen?

Nur ein paar Wörter. (gibt ein paar unaussprechliche Beispiele)

Dein Musikprojekt heißt Nick And The Roundabouts. Trotzdem sitzt du hier alleine. Wo sind die Roundabouts?

Zuerst mal fand ich Nick als Stagename superlangweilig. Roundabouts ist eines meiner absoluten Lieblingswörter im Englischen. An dem Wort kann man sofort hören, aus welchem Teil Großbritanniens jemand stammt. Dazu kommt das Bild von Kreisverkehren in meinem Kopf, das ich sehr inspirierend finde. Ich denke, dass die meisten Songwriter Lieder schreiben, weil sie aus einer bestimmten Situation nicht rauskommen. Du stellst dir dieselbe Frage immer wieder und findest keine richtige Antwort. Darüber schreibst du Songs. Roundabouts hat also eine doppelte Bedeutung, eine persönliche und eine songwriterische.

Findest du denn den Ausgang aus dem Kreisverkehr, wenn du einen Song geschrieben hast?

Manchmal. Manchmal schreibe ich auch fünf Songs über ein Thema und finde keinen Ausweg. Gerade was emotionale Themen angeht, ist es durchaus eine Inspirationsquelle, wenn man gedanklich nicht weiterkommt.

Hast du dich bewusst dafür entschieden, ein Ein-Mann-Projekt zu sein oder würdest du auch gerne mal mit einer Roundabouts-Band touren?

Ich schließe nicht aus, dass ich mal mit einer Band spielen will. Auf meiner Platte ist ja auch ein bisschen Band. Ich trete aber hauptsächlich alleine auf. Meistens ist Olli dabei und spielt bei einigen Songs die zweite Gitarre. Erstmal will ich es auch dabei belassen. Allerdings muss ich irgendwann ein zweites Album aufnehmen und ich weiß nicht, ob ich das ganz alleine machen will.

Nick And The Roundabouts beim Auftritt in Berlin im Mai 2014 (Foto: Kristina Schippling)

Nick And The Roundabouts beim Auftritt in Berlin im Mai 2014 (Foto: Kristina Schippling)

Wären das dann die Roundabouts oder Nick And The Roundabouts & Band?

Das wäre ja verrückt! Ich habe oft in der Presse gelesen „Vorband sind Nick And The Roundabouts“. Ich bin keine Majestät, dass ich in der dritten Person angesprochen werden müsste (lacht).

Der Name ist ja schon etwas irreführend.

Das ist auch Absicht. Ich will nicht machen, was alle machen. Ich will nicht einfach einer von fünf Millionen sein.

Wie bist du denn überhaupt dazu gekommen, Musik zu machen?

Mein Dad ist Drummer in einer sehr… mittelmäßigen Cover-Band – aber die Mitglieder haben viel Freude daran. Musik war in meinem Leben immer da. Mit acht Jahren habe ich mit Schlagzeug angefangen und mit zwölf mit dem Gitarrespielen, weil… ich zu schlecht im Fußball bin. Außer Gareth Bale kann in Wales sowieso niemand Fußball spielen.

Wie würdest du deine Musik jemandem beschreiben, der nicht hören kann?

Melancholische Liebeslieder mit einem Funken Hoffnung. Vielleicht. Ich mache keine superdepressive Musik. Eigentlich. Sie ist schon sehr „laid-back“ und zum Nachdenken, aber es ist immer ein Funken Hoffnung dabei.

Das hört man auf „Woe To Live On“. Für viele Künstler ist ein Album ja wie ein Baby oder ein Gefährte auf einem bestimmten Lebensabschnitt. War das bei dir auch so?

Oh ja. Du lebst dein Leben und ein Album hilft dir, einen bestimmten Abschnitt abzuschließen oder zumindest soweit fertig zu kriegen, dass du vielleicht einen Schritt weiterkommst.

Und welcher Abschnitt war das bei dir?

Äh, Liebe, Familie, Job, alles.

Das willst du alles hinter dir lassen?

Das will ich alles hinter mir lassen. Besonders der Job ist mittlerweile weg. Aktuell gibt es nur noch Musik.

Auf „Woe To Live On“ schreibst du über Liebe, das Fehlen und Verlieren von Liebe.

Es geht generell um den Verlust von Menschen – durch den Verlust von Liebe, Kontakt oder durch Tod.

Liebe ist in der Musik ein total abgeschmacktes Thema. Warum bist du ausgerechnet da gelandet und nicht bei Wales oder Politik?

Oh, ich singe über Wales in dem Song „You’re My Town“. Aber ich finde, dass Singer-Songwriter – gerade in dem Bereich, in dem ich mich bewege: Folk, Country, Americana – meistens politische und gesellschaftliche Sachen machen und keiner traut sich mehr, ernsthaft Emotionen zu zeigen. Für mich ist die Beziehung zwischen zwei Menschen, wie man miteinander umgeht, das Wichtigste. Ich schreibe also am liebsten Songs über das kleinste und wichtigste Thema, das es gibt.

Und es ist ehrlich.

Bei solchen Themen kannst du keine Show machen. Da kann niemand auf der Welt lügen – zumindest nicht lange.

Viele deiner Songs handeln von Frauen. Ist das alles autobiografisch?

Nicht alles. Manche Songs basieren auch auf Geschichten, die man von Freunden hört. Manches ist natürlich autobiografisch. Und ganz wenig ist frei erfunden.

"Gerade was emotionale Themen angeht, ist es durchaus eine Inspirationsquelle, wenn man gedanklich nicht weiterkommt." (Foto: Kristina Schippling)

“Gerade was emotionale Themen angeht, ist es durchaus eine Inspirationsquelle, wenn man gedanklich nicht weiterkommt.” (Foto: Kristina Schippling)

Du lässt dich also gerne von deiner Umgebung inspirieren?

Als Singer-Songwriter schaue ich, was um mich herum passiert. Ich kann mich stundenlang in ein Café setzen, Leuten beim Leben zusehen und mir Geschichten ausdenken. Das fängt an beim Typen, der Obst verkauft, oder dem Kellner in der Wirtschaft. Du kannst gute Geschichten stricken, wenn du diese Menschen mal für eine Stunde beobachtest.

Und was sind musikalisch deine Einflüsse?

Als ich aufgewachsen bin, waren meine größten Helden die Stereophonics. Die kommen aus Wales. Oasis mochte ich und sehr viel amerikanische Musik: Bruce Springsteen, mein All-Time-Favourite, Ryan Adams und seine Band Whiskeytown, City And Colour.

Wenn du mit irgendjemandem Musik machen könntest – tot oder lebendig –, mit wem würdest du gerne einen Song aufnehmen?

(lange, lange Pause) Wahrscheinlich mit Bruce Springsteen.

Das wäre ja theoretisch möglich.

Ja, aber er redet ja nicht mal mit mir. Oder… mit den Everly Brothers, du weißt schon, „Wake Up Little Susie“. Die gelten als die Vorreiter des Folk.

Könnte eine interessante Mischung sein.

Leider lebt nur noch ein Everly Brother, Phil. Aber die Möglichkeit besteht noch.

Nick And The Roundabouts bleibt vorerst eine Ein-Mann-Band (Foto: Kristina Schippling)

Nick And The Roundabouts bleibt vorerst eine Ein-Mann-Band (Foto: Kristina Schippling)

Mit Bruce Springsteen zusammen.

Das wäre ja die Super Group!

Was möchtest du mit deiner Musik erreichen?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich find’s gut, so wie es ist. Ich weiß ja nicht, wie lange ich das machen kann. Du musst dankbar dafür sein, dass du auf Tour gehen kannst und die Leute sich dafür interessieren, zu deinen Gigs kommen, klatschen und vielleicht die Platte kaufen. Ich weiß allerdings nicht, ob es in der heutigen Zeit noch einen Weg gibt, von Musik, wie ich sie mache, auf Dauer zu leben.

Was steht bei dir in nächster Zeit an?

Nach diesem Tourblock habe ich erst einmal drei Wochen Pause. Danach spiele ich ein paar Gigs in Süddeutschland. Im Sommer stehen zwei Festivals an. Und im Herbst werde ich hoffentlich noch eine Headliner-Tour machen. Was ich nicht versprechen kann, ist, dass ich da nicht mit Band komme (lacht).

Hier geht’s zur Fotostrecke vom Auftritt in Berlin.

Nick And The Roundabouts – offizielle Homepage
Nick And The Roundabouts – Facebook

(Kathrin Tschorn)

©Sound Infection 2015