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Luxuslärm (Foto: Ben Wolf)

Interview mit Luxuslärm: Fitness, Kindererziehung und Fernsehfremdschämen

Leidenschaft, Authentizität und jede Menge Feuer unter’m Hinter – seit acht Jahren rocken die deutschen Herren um Sängerin Jini Meyer durch die Charts und verteilen ihren unvergleichlichen LUXUSLÄRM an die offenen Ohren der Fans. Ihr aktuelles Album “Alles Was Du Willst” führte sie auch dieses Jahr wieder auf eine ausgedehnte Tour und für ihre vorletzte Show hat die Crew aus Iserlohn sich eine Halle der etwas anderen Art ausgesucht: Das Hildesheimer „Jim+Jimmy“, das für gewöhnlich keine Rockinvasionen gewöhnt ist, sondern als Fitness- und Freizeitcenter dient. Dementsprechend voll mit Matten, Trampolinen und Kletterwänden war auch der Backstagebereich, bei dem wir die jungen Deutschrocker für ein kurzes Interview abgefangen haben.

Sound Infection: Die Kletterwände und Autoscooter-Verschnitte im Backstagebereich sind ja verdammt einladend! Seid ihr sportliche Typen oder liebäugelt ihr in eurer Freizeit eher mit dem Sofa?

Sofabelagerung mit Luxuslärm in Hildesheim

Sofabelagerung mit Luxuslärm in Hildesheim

Jan: Naja, wir geben uns Mühe. Und zwangsläufig ist man auch ein wenig sportlich. Jini zum Beispiel macht vor jedem Konzert ein kleines Workout, das hat aber hauptsächlich damit zu tun, dass wir auch etwas in Form bleiben müssen, wir sind ja keine 18 mehr!

David: Genau, du Komposti!

Dass ihr euch selbst managt und jahrelang ohne Major Label ausgekommen seid, ist allgemein bekannt, aber wie genau habt ihr es geschafft,  euch sowohl auf die Musik zu konzentrieren und niemals die Inspiration zu verlieren, als auch knallharte Geschäftsleute zu sein, die sich im Musikbusiness durchbeißen müssen?

Jan: Mit Streit!

Jini: Bei uns ist es so, dass von Anfang an Jan mit unserer Promolady Jana zusammenarbeitete in Bereich des Managements und wir noch unseren Produzenten Götz haben, der sich um die CDs kümmert und das Mastering. Die drei bilden unser Management, aber da fliegen natürlich auch oftmals die Fetzen, weil Jan einerseits die Rolle des Schlagzeugers übernimmt UND im Management sitzt, da muss er natürlich auch Geschäftsmann sein und die Interessen der Band so vertreten, dass es allen gut tut. NAtürlich fällt man damit auch mal auf die Schnauze, aber man lernt aus seinen Fehlern und deshalb war es eine tolle Erfahrung, das die letzten acht Jahre zu machen. Irgendwann geht dieser künstlerische Pfad aber tatsächlich verloren und man fühlt sich wie in einem BWL-Studium. Und wenn es so weit kommt, sollte man sich überlegen, ob man doch mal eine der Plattenfirmen anhört, die ja seit Jahren offen auf uns zugekommen sind. Und da Universal uns einen wirklich tollen Vertrag angeboten haben, war es auch an der Zeit, einen Teil der Aufgaben abzugeben. Die CDs nehmen wir immer noch in Eigenregie auf, aber die Promotionarbeit wird von unseren Partnern übernommen und das ist auch besser so – denn sonst geht das Kreative tatsächlich verloren.

Ihr hattet in den letzten Jahren viele Auftritte in TV-Serien und Telenovelas – was sind denn Serien, die ihr heimlich schaut, weil es euch peinlich wäre, es zuzugeben?

Christian: Daniela Katzenberger gucke ich seit zwei Wochen! Das läuft immer dann, wenn ich total müde und im Arsch bin und ich feiere es total ab! Es ist zwar ein wenig voyeuristisch, weil sie quasi ihr Leben filmt, aber es ist super lustig!

Jan: Das finde ich aber noch gar nicht so peinlich, wirklich peinlich wäre Dschungelcamp! Wobei das auch noch geht, am Allerschlimmsten ist diese Sendung… wo haben wir nochmal mitgemacht?

Die Band lärmt gelegentlich auch mal durch Telenovelas (Foto: Ben Wolf)

Die Band lärmt gelegentlich auch mal durch Telenovelas (Foto: Ben Wolf)

Alle: Köln 50667!

Jini: So ein Coverding von „Berlin Tag & Nacht“ aber auf Köln gemünzt.

Jan: Wir haben da mitgemacht und hatten einen Gastauftritt in einer Folge – da habe ich das zum ersten Mal geschaut, weil ich wissen wollte, wie unsere Performance geworden ist…

Christian: …und es war wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ in schlecht.

Jan: Ja, die haben eben kein Drehbuch und haben sich die ganze Zeit nur gegenseitig angeschrien. Der Regisseur hat die Schauspieler angeschrien, die haben zurückgeschrien und so drehen die den ganzen Tag. Hinterher haben wir die Leute gefragt, wie sie das aushalten mit der Lautstärke und dem Stresspegel, und die meinten, das sei völlig normal dort. Die drehen scheinbar am Tag eine Folge unter diesen Umständen. Die konnten einem wirklich Leid tun.

Jini: Ich habe auch mal „Berlin Tag & Nacht“ geschaut, weil dort ein Kollege von uns mitgespielt hat und ich seinen Auftritt sehen wollte. Da dachte ich mir auch „Uiuiui… harter Tobak“, aber die Rolle passte zu ihm und er durfte quasi sich selbst spielen.

Aber was hat euch dann dazu bewegt, dennoch in solchen Serien mitzuwirken – überwiegt da der Promo-Effekt oder habt ihr auch eine Grenze, wo ihr sagen würdet: “Nee, da mache ich niemals mit!”

Jan: Wie du siehst, nicht! (lacht)

Jini: Hätten wir das mit Köln 50schießmichtot vorher gewusst, hätten wir es vermutlich nicht gemacht. Aber alle anderen Sachen waren wirklich nett und sehr fördernd für die Band.

Jan: Wir mussten auch erst einmal ausprobieren, welchen Effekt es überhaupt hat – denn wenn es niemanden interessiert und wir nicht eine einzige CD verkauft hätten, wäre die Sache ja umsonst gewesen und wir hätten es auch sein lassen können.

Freddy: Der Anteil an Live-Musik im deutschen Fernsehen hat auch enorm abgenommen, es gibt kaum mehr Angebote oder die Möglichkeit, seine Musik im TV zu präsentieren. Deshalb nimmt man meist alles an, was man bekommen kann. Denn es ist ja eine tolle Erfahrung, auch wenn es Sendungen sind, die man privat nicht schauen würde.

David: Wir traten ja auch als Luxuslärm auf und mussten nicht irgendeine Rolle spielen. Wir waren in der Serie das Geschenk für jemanden und sollten als die Lieblingsband der Person auftreten und das war natürlich lustig – und man war letztendlich beeindruckt, wie viele Leute das doch gesehen haben.

Freddy: …und für echt hielten!

David: Ja, das war schon seltsam, wie viele Leute daraufhin meinten „Ey, voll geil, du warst da in der Serie“ und ich dachte nur „Wow, danke schön, jetzt hast du keinen Respekt mehr“ (lacht)

Das aktuelle Album "Alles Was Du Willst" erschien erstmals über Universal

Das aktuelle Album “Alles Was Du Willst” erschien erstmals über Universal

Okay, ernsteres Thema: In dem Song „Dass du bleibst“ befasst ihr euch mit Depressionen und Suizid, was auf sehr viele Reaktionen von Seiten der Fans stieß. Sie waren begeistert, aber gleichzeitig wurde euch damit eine hohe Verantwortung übertragen. Bekommt ihr viele Zuschriften von verzweifelten Fans, die Hilfe bei euch suchen?

Jini: Ja, es gibt natürlich Vor- und Nachteile bei der Sache, aber es war uns wichtig, den Song auf das Album zu packen, weil die Thematik uns damals sehr berührt und mitgenommen hat. Und weil wir geahnt haben, dass es da draußen viele Menschen gibt, die sich damit identifizieren können, die Probleme kennen und für die das Leben vielleicht nicht so viel Spaß bedeutet, wie für uns. Daraufhin kamen sehr viele handgeschriebene Briefe, was wir wirklich toll fanden und es tat natürlich gut, so viel Feedback zu erhalten und zu sehen, dass wir scheinbar den richtigen Nerv getroffen hatten. Aber wenn es dann darum geht, dass Hilfe gesucht wird, stoßen wir leider an unsere Grenzen, wir sind auch nur eine Band, die viel unterwegs ist und leidenschaftlich Shows spielt, sodass es eben nicht möglich ist, jedem Einzelnen zu helfen. Trotzdem ist es so, dass wir auf der Tour täglich vor die Tür gehen, mit den Fans sprechen, aber da kommen solche privaten Themen natürlich nicht zur Sprache. Deshalb freuen wir uns, wenn wir Briefe bekommen, die man in Ruhe lesen kann und bei denen man teilweise auch merkt, dass die Leute gar keine Antwort erwarten, sondern sich einfach nur etwas von der Seele schreiben wollten. Aber wir versuchen dennoch so viele Briefe wie möglich zu beantworten, Autogramme zu versenden und so weiter.

Wie würdet ihr in der heutigen Zeit eure Kinder erziehen, um eben zu vermeiden, dass sie sich depressiv und hilflos in der Welt fühlen – gerade in der heutigen Zeit, wo es nur um iPhones und teure Markenklamotten geht?

Jini: Darüber hatte ich mir kürzlich erst Gedanken gemacht. Ich würde versuchen, meinem Kind beizubringen, dass man nicht zu sehr auf andere Leute, sondern sich selbst hören soll. Dass es nicht so wichtig ist, wer die teuersten Klamotten hat, auch wenn das bedeutet, dass man in der Schule ein Außenseiter ist. Ansonsten finde ich Ehrlichkeit ein sehr wichtiges Stichwort, ich würde mit meinem Kind über alles sprechen, keine Tabus oder Geheimnisse haben… Aber das richtige Rezept ist da wohl schwierig.

Jan: Der Schlüsselbegriff ist eigentlich „Zeit“. Wenn ich mir die Kinder anschaue, von denen man merkt, dass sie nicht glücklich sind, fällt auf, dass es meist die Kinder sind, die wenig Zeit mit ihren Eltern verbringen können. Entweder, weil beide berufstätig sind oder getrennt. Deshalb, wenn ich selbst Vater wäre, müsste ich mein Alltagsleben enorm umstricken, damit ich genügend Zeit mit meinem Kind verbringen könnte. Natürlich will jeder immer nur das beste für seine Familie, aber viele Eltern haben kaum noch die Möglichkeit, angemessen für ihre Kinder da zu sein. Die Kleinen, die bei uns sind, fahren direkt nach der Schulbetreuung zur Nachhilfe, kommen um 19 Uhr nach Hause, sagen dem Papa noch schnell gute Nacht und das war’s dann. Und das machen sie dreizehn Jahre ihres Lebens. Naja, jetzt sind es nur noch zwölf, aber Chris kann dir davon ein Liedchen singen, der ist ja Lehrer. Und wenn Eltern mit uns sprechen wollen, um zu hören, wie sich ihr Kind entwickelt, merkt man erst, dass sie keine Ahnung haben, wer ihr Kind ist. Manche Eltern lernt man sogar nie kennen, da bringt das kleine Mädchen noch seine eigene Anmeldung vorbei und man sieht erst nach drei Jahren mal einen Vater. Die Zeiten, wo der Vater arbeiten geht und die Mutter zum Kindererziehen Zuhause bleibt, sind längst vorbei, die Kinder verwahrlosen ganz schön vor sich hin und das sind nicht nur Einzelfälle.

"So laut ich kann"

“So laut ich kann”

Christian: Man kann ein Kind auch nur bis zu einem bestimmten Grad erziehen. Sicherlich kann man ihm viel vorleben und somit implizit zeigen, was richtig ist, aber besonders wichtig ist ein Vertrauensrahmen, in dem das Kind sich dann frei bewegen kann. Man braucht Geduld und gewisse Grenzen. Und dafür benötigt man auch einfach Zeit, um eine solche Vertrauensbasis zu errichten. Der Rahmen muss dann ganz klar eingehalten werden und man muss auch durchaus mal Stress machen, wenn dieses Vertrauen gebrochen wird. Ansonsten: Den Teenager einfach laufen und frei sein lassen und nicht bis um fünf in der Schule sitzen lassen, das bringt dem Kind nichts und macht ihm auch keinen Spaß.

Jan: Heute denkt man hauptsächlich daran, dem Kind finanziell alles bieten zu können, dabei macht es das Kind nicht zwangsläufig glücklicher. Gut, die Sache mit der Markenhose und dem Problem, dass man ohne sie gehänselt wird, ist wohl schon wahr, aber ich denke, letztendlich bringt es einem Kind mehr, wenn man Zeit mit ihm verbringt, anstatt ihm teure Spielsachen zu kaufen.

Okay, zum Abschluss: Was ist eure liebste Todsünde?

Alle: Wenn man sich unser üppiges Buffet hier anschaut, ganz klar: Völlerei!

Jini: Wir sind nur am Futtern. Kein Wunder, wir werden hier auch von vorne bis hinten bedient.

Jan: Ja, das ist schon echt gefährlich, man muss danach auch zusehen, dass man alles wieder abtrainiert bekommt. Aber wir haben meist schon Horror vor der Zeit nach der Tour, wenn wir uns wieder allein versorgen müssen, da läuft man dann immer ratlos durch die Wohnung und sucht das Catering-Schild!

Vielen Dank an die Band und ihr Management!

(Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015