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Das Debüt-Album "Memoirs Of A Murderer" ist seit Freitag hier in Deutschland erhältlich (Foto: Press / Oktober Promotion)

Interview mit KING 810: “Ich sehe es als Kompliment, gehasst zu werden”

„Gehasst, verdammt, vergöttert“ war bislang zwar immer der Leitspruch der Böhsen Onkelz, doch die US-Amerikaner von KING 810 sind auf dem besten Weg, ihn künftig für sich zu beanspruchen.
Ihr Debüt-Album „Memoirs Of A Murder“ steht zwar erst diesen Freitag in den deutschen Läden, doch seit Monaten werden Sänger David Gunn und seine Crew bereits hitzig in den Medien diskutiert. Als die „neuen Slipknot“ mit genialem, authentisch brutalem Sound werden sie von den einen gefeiert, während die anderen sie als „Poser“ und „hohle Schlägertypen“ beschimpfen – KING 810 kann dies jedoch egal sein, denn dass ihr Album wie eine Bombe einschlagen wird, steht längst fest. Einen besonderen Beitrag hierzu leistet sicher ihr Image, das die Band als junge Kämpfer inszeniert, die in der von Armut und Straßengewalt geprägten US-Stadt Flint aufwuchsen und vor nichts und niemandem mehr Angst haben. Kühl und trocken wirkt David Gunn demnach auch bei dem Interview, seine Stimme ist kratzig und monoton und er beginnt das Gespräch mit dem Satz „Nett mit dir zu reden – zumindest bis jetzt.“

An King 810 aus Flint scheiden sich die Geister - doch David Gunn (Mitte) stand uns Rede und Antwort (Foto: Press / Oktober Promotions)

An King 810 aus Flint scheiden sich die Geister – doch David Gunn (Mitte) stand uns Rede und Antwort (Foto: Warner Music)

Anne: Eure Heimatstadt Flint prägt enorm eure Musik, und die Gewalt und Armut unter der ihr aufgewachsen seid, macht einen elementaren Teil eurer Band aus – doch nun, wo euer Album weltweit einschlägt und ihr den Deal mit Roadrunner Records in der Tasche habt, gäbe es zumindest finanziell keinen Grund mehr für euch, weiter dort zu wohnen. Werdet ihr dennoch dort bleiben oder wollt ihr einfach nur weg aus Flint?

David Gunn: Als wir jung waren, hatten wir zwar nicht die Möglichkeiten, von dort wegzuziehen, doch nun, wo wir alle erwachsen sind, hätten wir uns schon längst woanders ansiedeln können. Aber das wollten wir nicht und wir ziehen es auch jetzt nicht in Erwägung. Es ist einfach der Ort, an dem wir groß geworden sind, an den wir uns gewöhnten, er ist ein wirklich großer Teil von uns – er definiert, wer wir sind, was wir tun und wie wir uns anhören.

Für uns hier in Deutschland ist es schwer vorstellbar, dass es wie bei euch regelmäßig Schussgefechte gibt und Morde auf offener Straße passieren. In eurem Video „Fat Around The Heart“ präsentiert ihr ja bereits Videoaufnahmen aus Überwachungskameras in der Stadt, aber geschehen solche Vorfälle bei euch wirklich täglich? Und vor allem: Wie reagierst du selbst, wenn du so etwas miterlebst?

Die klassische Reaktion ist es, dass man sich nicht einmischt. Man kümmert sich nur um seinen eigenen Kram. Deshalb verzieht man sich einfach nur, sagt nichts und hat auch nichts gesehen. Es passiert etwa einmal wöchentlich, dass ich irgendwo eine Schießerei sehe, einen Raub oder generell eben ein Verbrechen. Manchmal häufiger, manchmal etwas seltener, aber im Schnitt wohl ein Mal in der Woche.

Als eine Person, die schon so viel gesehen und miterlebt hat – du wurdest ja auch selbst schon lebensgefährlich verletzt – was schockt dich da noch? Wovor hast du persönlich Angst?

(lacht) Nichts. Wenn du selbst schon auf der Schwelle zum Tod standest, gibt es da recht wenig im alltäglichen Leben, das dich noch schockt. Man wird auf Dauer einfach komplett desensibilisiert. Und wenn ich an Dinge denke, vor denen Menschen normalerweise Angst haben, dann berührt mich das gar nicht.

Ihr habt das erste Angebot von einer Plattenfirma abgelehnt, euch dann später aber auf Roadrunner eingelassen – scheinbar habt ihr eine klare Vision, wo ihr hin wollt und gebt euch nicht mit den nächstbesten Möglichkeiten zufrieden. Also wie genau sieht eure Planung für die Zukunft aus, was möchtet ihr mit KING 810 erreichen?

Ich habe zwar gewisse Ideen, aber solange die noch zu weit weg erscheinen, will ich sie nicht preisgeben. Zuerst einmal möchten wir unser Album auf den Markt werfen, den Leuten unsere Vision bringen und natürlich noch ein paar Videos drehen. Unserem Kram einfach so weit es geht über die Welt verstreuen. Das sind zwar recht banale Dinge, aber für mich bedeuten sie viel, ich will einfach immer weiter Songs schreiben, wie ich es schon immer getan habe.

Kommen im Herbst auch zu uns nach Deutschland: King 810 (Foto: Press / Oktober Promotions)

Kommen im Herbst auch zu uns nach Deutschland: King 810 (Foto: Scott Ushida)

Wenn man eure Live-Videos anschaut und Konzertberichte liest, scheint es ja so heftig bei euch zuzugehen, dass man im Publikum fast Angst um sein Leben haben muss. Erwartest du bei eurer Europa-Tour im Herbst eine ähnliche Stimmung oder sind es besonders die Shows bei euch Zuhause in Michigan, wo ihr so viele gewaltbereite Fans versammelt?

Ich gehe davon aus, dass es überall gleich sein wird. Bei uns Zuhause ist es natürlich anders und vielleicht auch verrückter, als woanders, wir selbst fühlen uns dort auch einfach anders – aber im Prinzip glaube ich, dass die Fans, die wir in Europa haben, ähnlich sein werden. Unsere Musik ist ja nicht strikt auf die USA begrenzt, sondern eine universelle Sache, sie spricht eine internationale Sprache, sodass es letztendlich egal ist, wo ein Hörer herkommt. Deshalb werden die Konzerte sich wohl nur von der Location unterscheiden, sonst nicht, ich erwarte nicht, dass sie irgendwie härter, schwächer oder weniger intensiv sind. Zumindest hoffe ich das…

Es gibt so viele verrückte Gerüchte, die über euch die Internet die Runde machen – was ist das Albernste, das du bisher gehört hast, oder sind einige der seltsamen Aussagen vielleicht sogar wahr?

Da musst du mir ein bisschen helfen, weil ich eigentlich nie etwas im Internet lese, ich bleibe in meinem kleinen Grüppchen und bewege mich kaum außerhalb davon, beteilige mich nicht an Diskussionen im Internet oder mache auch sonst kaum etwas in der Richtung. Deshalb kenne ich kaum welche – was sind denn die komischsten, die du bisher gelesen hast?

Naja, besonders fällt im Internet eben auf, dass es zwei extreme Camps von Leuten gibt, die über euch sprechen, einmal die, die euch und eure Musik vergöttern und dann wiederum die, die jeden Schritt von euch verteufeln und alles dran setzen, um euch in der Öffentlichkeit schlecht zu reden. Das ist aber, glaube ich, eine gute Sache, da das bedeutet, dass ihr niemanden kalt lasst und selbst die „Hater“ sich noch passioniert mit euch beschäftigen.

Ja, ich sehe es oftmals auch als Kompliment, gehasst zu werden. Wir sind nicht im Fegefeuer gefangen, wo keiner so genau weiß, in welche Richtung es geht und wo eine gewisse Ambivalenz herrscht, sich niemand für dich interessiert… Wir haben klare Fronten und das ist mir lieber. Also egal, ob Leute uns mit vollem Herzen lieben oder hassen, beides davon ist schmeichelhaft.

Dennoch ist die Menge eurer Gegner enorm und vor allem im Internet sehr präsent – musstest du dich jemals auf diese Leute einlassen oder wurdest du sogar schon körperlich angegriffen von ihnen? 

Das Debüt-Album "Memoirs Of A Murderer" ist seit Freitag hier in Deutschland erhältlich (Foto: Press / Oktober Promotion)

Das Debüt-Album “Memoirs Of A Murderer” ist seit Freitag hier in Deutschland erhältlich (Foto: Warner Music)

Nein, alle Leute, die uns schlecht machen, lassen sich niemals bei uns blicken – schade eigentlich, das wäre wirklich lustig. Aber wenn jemand zu unseren Shows kommt, dann meist nur um uns zu unterstützen, nicht um Ärger zu machen. Die Gegner scheinen sich lieber heimlich hinter einem Computer zu verstecken und alle Drohungen, die wir bisher bekamen, blieben leer. Wir machen uns da keine Sorgen.

Okay! Ihr werdet sehr oft mit Slipknot verglichen, doch ob das nach dem, was im letzten Jahr bei den Herren los war, noch schmeichelhaft ist, kann man diskutieren… Also, Hand auf’s Herz, wie stehst du zu Slipknot?

Ich finde sie ziemlich cool. Sie sind eine der Bands in dem extremen Genre, von denen man behaupten kann, dass es einfach nicht besser geht. Zumindest, wenn es um aggressiven, schnellen Sound geht. Sie haben so viel geschafft, dass wir uns niemals als Hater bezeichnen könnten, sie haben für so viele Bands den Weg frei gemacht, deshalb: We’re cool with Slipknot.

Leider musstet ihr euren Auftritt beim Download Festival absagen, da du und euer Bassist verhaftet wurden – ohne in eurem persönlichen Kram herumwühlen zu wollen, würde mich nur interessieren, ob diese Problematik nun ein für alle mal geregelt ist oder die unglückliche Chance besteht, dass ihr bald wieder Konzerte oder eine Tour absagen müsst aus vergleichbaren Gründen.

Es sollte jetzt alles okay sein. Eugene muss noch einmal zur Verhandlung, aber ich denke nicht, dass wir uns da noch Sorgen machen müssen. Solange nicht noch unerwartet irgendetwas Verrücktes passiert, brauchen die europäischen Fans sich nicht sorgen, dass die angekündigten Konzerte in Gefahr sind. Wir werden auf jeden Fall auftauchen.

Okay, letzte Frage: Wie stehst du zur Todesstrafe?

Ähm… (lange Stille) Ich denke, puh, das ist schwer zu sagen. Eigentlich finde ich es eher falsch, aber andererseits kann ich es verstehen, dass Menschen unbedingt Rache wollen, wenn ein Angehöriger von ihnen kaltblütig getötet wurde. Aber es ist schwer, darauf eine klare Antwort zu finden, ohne Verallgemeinerung oder Vorurteile… Gott, ich glaube nicht, dass ich dir darauf eine kluge Antwort geben kann.

Nein, das brauchst du ja auch nicht.

Sagen wir, ich glaube nicht, dass es Probleme löst. Auf der anderen Seite verstehe ich, warum einzelne Leute dafür oder dagegen sind, vielleicht muss man selbst in so einer Situation stecken, um eine klare Antwort zu finden und um zu wissen, wie die Problematik sich am eigenen Körper anfühlt. Aber momentan habe ich nicht das Gefühl, in der Lage zu sein, über so etwas zu urteilen, weißt du.

Kein Problem – vielen Dank für deine Zeit David, ich freue mich auf eure Deutschland-Tour im Herbst!

Love ‘em or hate ‘em – wie man zu KING 810 steht, muss jeder für sich selbst ausloten, doch eins steht fest: Diese Band wird ganz, ganz groß werden.

(Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015