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Foto: Pip in Dungeness

Interview mit Gemma Hayes: „Ich sehne mich nach innerem Frieden“

Gemma Hayes‘ fünfter Streich heißt „Bones + Longing“, Knochen und Sehnsucht, und liegt ganz frisch in den Schallplattenläden. Mit Sound Infection spricht die irische Singer-Songwriterin über den Schaffensprozess ihres bislang authentischsten Albums, warum sie früher einmal ein psychologischer Bauer werden wollte und was ihre größte Sehnsucht ist.

Dein neues Album heißt „Bones + Longing“. Welche Bedeutung hat dieser Titel für dich?

Für mich fasst der Titel zusammen, wovon das Album handelt – unsere Sterblichkeit und unser Wunsch oder unsere Sehnsucht, etwas oder jemanden zu kreieren, durch das oder den wir fortleben können.

Ab dem 6. März 2015 zu haben: "Bones + Longing" von Gemma Hayes

Ab dem 6. März 2015 zu haben: “Bones + Longing” von Gemma Hayes

Liebe, Schokolade, Anerkennung – es gibt eine lange Liste von Sehnsüchten. Was ist deine brennendste Sehnsucht?

Ich denke, für mich ist das innerer Frieden, keine Zweifel oder Angst – nur die absolute Akzeptanz jeder Situation, in der ich mich gerade befinde. Aber mein Verlangen nach Schokolade kommt gleich dahinter…

Wenn du ein Bild malen müsstest, das deine Musik auf „Bones + Longing“ zeigt, wie würde es aussehen?

Diese Antwort fällt mir leicht. Ich habe nämlich einem Maler beschrieben, wie „Bones + Longing“ bildlich für mich aussieht und er malte nach meiner Beschreibung. Dieses Bild wurde dann das Albumcover: eine einsame Figur läuft durch eine riesige Weite, in gedämpften, leichten Farbtönen.

Das zeigt ja, dass „Bones + Longing“ einen tiefgehenden Wert für dich besitzt. Welche künstlerische Absicht steht hinter dem Album? Hast du auf etwas Bestimmtes abgezielt?

Mein wichtigstes Ziel ist, immer meiner musikalischen Intuition zu folgen und nicht zu versuchen, irgendwem zu gefallen. Ich wollte, dass „Bones + Longing“ zunächst einmal mich bewegt. Und wenn es das tut, gibt es die Chance, dass es auch andere Menschen bewegen könnte.

„Bones + Longing“ hat einen anderen Sound als deine vorherigen Alben. Was hat sich verändert?

Meine Musik wächst und verändert sich, wie mein Leben sich ändert und entwickelt. Ich habe mich in den letzten Jahren natürlich verändert und wie die meisten Menschen viele neue Dinge erlebt. Deshalb sind meine Songs heute anders als früher. Aber mehr denn je wollte ich, dass dieses Album karg und spärlich, aber dennoch ausgedehnt und weitreichend ist. Ganz bewusst habe ich mich dafür entschieden, dass es unterproduziert und organisch klingt.

Du hast einmal gesagt, dass du die Musik eigentlich jedes Mal hinschmeißen könntest, nachdem du ein neues Album veröffentlicht hast. Geht es dir bei „Bones + Longing“ wieder so?

Lustig, dass du das fragst. Das Bedürfnis aufzuhören kommt eigentlich immer dann, wenn ich mich darauf vorbereite, ein neues Album zu schreiben, also in der Zeit, wenn ich weder Promo für eines mache noch an einem schreibe. Dann passiert immer dasselbe. Ich denke: Vielleicht wäre es Zeit, mal etwas ganz Neues zu probieren. Sobald ich aber durch eine Melodie oder Lyrics inspiriert werde, verpufft dieser Gedanke und das Bedürfnis verschwindet. Zurzeit genieße ich einfach die vorläufige Zufriedenheit, gerade erst ein neues Album veröffentlicht zu haben.

 

"Nichts ist aufregender und furcheinflößender, als auf einer Bühne aufzutreten." (Foto: Pip in Dungeness)

“Nichts ist aufregender und furcheinflößender, als auf einer Bühne aufzutreten.” (Foto: Pip in Dungeness)

War es denn eigentlich immer dein Traum, Musikerin zu werden oder hattest du einen ganz anderen Berufswunsch als Kind?

Nein, ich habe niemals darüber nachgedacht, Musikerin zu werden. Mein ganzes Leben lang wollte ich entweder Psychologin oder Bauer werden, manchmal beides gleichzeitig. Musik habe ich genutzt, um mich selbst auszudrücken. Erst mit 19 oder 20 habe ich ernster darüber nachgedacht und es als mögliche Karriere in Betracht gezogen. Nachdem ich erlebt habe, wie es sich anfühlt, auf einer Bühne aufzutreten, habe ich entschieden, dass nichts aufregender oder furchteinflößender sein könnte als das – und ich war süchtig danach!

In deiner Musik geht es meist um die dunkleren Gefilde des menschlichen Daseins. Trotzdem arrangierst du solche Themen auf „Bones + Longing“ gerne mit leichten Melodien, ja, manchmal sogar mit träumerischen Anschlägen. Wie passen diese beiden Gegensätze zusammen?

Ich mag es, „leichte“ Themen mit dunklen musikalischen Arrangements und umgekehrt zu kombinieren. Ich denke, beides ist wunderschön und Teil des Gefüge des Lebens.

Wer oder was inspiriert denn deine Musik?

Ich höre mich immer nach Künstlern oder Bands um, die sich selbst vollkommen treu in ihrer Musik bleiben. Ich erkenne das sofort, wenn ein Song mir bis in den innersten Kern geht. Sobald ich so etwas höre, wird mir vor Aufregung ganz schwindelig, wenn ich an die unendlichen Möglichkeiten denke, die uns offenstehen, um etwas Neues zu kreieren. Ein toller Film kann dem kreativen Prozess zum Beispiel auch auf die Sprünge helfen. Wenn er ein starkes Gefühl heraufbeschwört, kann er der Katalysator für den Beginn eines neuen Songs sein.

Wenn du der Welt eine Sache sagen könntest – und jeder würde zuhören –, was wäre das?

Das, was ich mir auch immer wieder sage: „to thine own self be true“ – sei dir selber treu.

Am 10. März 2015 stellt Gemma Hayes ihr neues Album „Bones + Longing“ live in der Berliner Bar Bobu vor. Eintritt frei!

Gemma Hayes – offizielle Homepage
Gemma Hayes – Facebook

Das Interview führte Kathrin Tschorn.

Titelfoto: Pip in Dungeness

©Sound Infection 2015