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Gönnt sich zurecht ein Eis für ein erfolgreiches Jahr: Fatoni (Foto: Conny Mirbach 2015)

Interview mit FATONI: „Was wirklich die Probleme sind, wissen wir ja und tun trotzdem nichts”

Die kostenlose C’MON-EP, Touren mit Fettes Brot, Weekend, 3Plusss und der Antilopen Gang und der Release des grandiosen Albums Yo, Picasso (hier gehts zur Rezension) mit Qualitäts-Producer Dexter – für Fatoni ist 2015 das wohl erfolg- und ereignisreichste Jahr seiner bisherigen Karriere. Obwohl das frühere Creme-Fresh-Mitglied bereits seit über einer Dekade Musik macht, fühlt es sich trotzdem so an, als würde gerade ein Newcomer den deuschen Hip-Hop durcheinanderwirbeln. Im Interview spricht der Münchner über seinen Video-Dreh für 32 Grad, die Möglichkeit des Ruhms im deutschen Rapzirkus und natürlich das neue Album.

Hallo Fatoni. Am 6.11. erschien dein gemeinsames Album mit Dexter „Yo, Picasso“, nach den beiden gefeierten Free-Download-EPs („Die Zeit heilt alle Hypes“ und „C’MON-EP“) die nächste Auskopplung innerhalb der letzten zwei Jahre. Woher kommt die Produktivität?

Fatoni: Wir leben in einer sehr turbulenten Zeit, es gibt also schon mal viel Input. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich noch nicht den Status in diesem Rapzirkuszelt habe, der mir zusteht und den muss ich mir holen. Der klassische Hunger also. Auch halte ich das meiste, was im deutschen Showbusiness passiert, für sehr schwach und möchte meinen Teil dazu beitragen, das zu verbessern.

Dexter (l.) und Fatoni (r.) sind verantwortlich für den Hip-Hop-Release der Stunde (Foto: Conny Mirbach 2015)

Dexter (l.) und Fatoni (r.) sind verantwortlich für den Hip-Hop-Release der Stunde (Foto: Conny Mirbach 2015)

Das Album war fast drei Jahre in Arbeit. Hast du bewusst Texte für das Album mit Dexter geschrieben und dir aufgehoben? Und wie wurde entschieden, was auf das Album und was auf eine EP kommt?

Ich habe während der anderen Platten auch immer am Album gearbeitet, aber auch nicht täglich oder so. Als ich am Album mit Edgar Wasser saß, war es zum Beispiel eher weniger und in den Endphasen der EPs war mein Fokus auch darauf gelegt. Aber ja, ich habe Songs für das Album aufgehoben.

Der Titel und das Cover des Albums verweisen auf ein frühes Selbstportrait von Picasso namens „Yo Picasso“, was so viel heißt, wie „Ich, Picasso“. Innerhalb dieses Vergleichs kann man also getrost sagen, du hast deinen Stil gefunden und stehst damit nun an der Schwelle zum Weltruhm, oder?

Weltruhm mit deutschem Rap zu erlangen ist schon sehr unwahrscheinlich. Bis jetzt hat das ja nur Falco geschafft. Aber durch die vielen tollen Kritiken für unser Album habe ich jetzt auf jeden Fall einen anderen Status als davor.

Ich war, als ich das Video zu 32 Grad gesehen habe, zunächst etwas verstört. Wie war das Gefühl in dieser Umgebung, wo täglich unzählige Flüchtlinge ankommen, vor der Kamera einen auf Tourist zu machen?

Es war kein besonders gutes Gefühl. Allerdings ist es auf der Insel auch einfach Alltag, das habe ich nach ein paar Tagen erst richtig realisiert. Dort sind ja auch wirklich Touristen. Das kann man aber auch nicht so einfach verurteilen. Dass auf Lesbos ab nächstem Sommer wohl nicht mehr so viele Touristen sind, wie die letzten 30 Jahre, hilft auch niemandem. Griechenland ist ohnehin gebeutelt.

Deine Hometown München spielt ja auch eine besondere Rolle in der Flüchtlingsthematik. Gab es direkte Erlebnisse, die dich dazu inspiriert haben diesen Track zu schreiben und wie nimmst du die Stimmung in der Stadt wahr?

Als die Massen am Hauptbahnhof ankamen, war ich nie in der Stadt. Ich war in Berlin oder anderswo. Ich habe den Song vor 1 ½ – 2 Jahren geschrieben, eher aus dem Gefühl heraus, dass das Thema überhaupt nicht präsent genug ist und wir es alle verdrängen. Das ist jetzt auf jeden Fall anders. Wir können es nicht mehr ignorieren, die Flüchtlinge sind ja nun bei uns.

Apropos München. Du bist ja auch Schauspieler und hast das Langzeitziel Tatort-Kommissar ausgegeben. Willst du irgendwann Batic/Leitmayr beerben oder darf es auch eine andere Stadt werden, in welcher du Verbrechen löst?

Ich würde mich auch mit einer anderen Stadt zufrieden geben, aber nur als Übergangslösung. Langfristig sollte es schon München sein.

Zurück zum Album: In Semmelweisreflex beschreibst du die beiden historischen Figuren Ignaz Semmelweis und Edward Clarke. Der eine wird zu Lebzeiten trotz fortschrittlichen Denkens nicht ernst genommen, der andere für seine verqueren Frauenansichten gefeiert. Wessen Genialität/Dummheit wird uns deiner Meinung nach, bezogen auf aktuelle Personen, erst viel später bewusst werden?

Ich maße mir nicht an zu denken, ich sei da klüger als der Rest der Welt. Geschichtlich betrachtet ist es ja leicht darüber zu lachen und sich über die Ignoranz und die Dummheit der Menschen zu wundern. Es gibt auch Menschen, die ich als Spinner betrachte, die auch mit dem Semmelweisreflex argumentieren, Verschwörungstheoretiker oder Ufotypen zum Beispiel. Was allerdings wirklich die Probleme der nicht allzu weit entfernten Zukunft sind, wissen wir ja schon und tun trotzdem nichts. Das ist ja noch schlimmer als bei Semmelweis und Clarke. Wir könnten gerade jetzt dem Klimawandel noch etwas entgegensetzen, es sieht aber nicht so aus, als würde das passieren. Wir überlassen die Führung der Welt lieber psychopathischen Spekulanten, denken nicht darüber nach und gehen zu McDonalds oder machen direkt Werbung dafür.

Gönnt sich zurecht ein Eis für ein erfolgreiches Jahr: Fatoni (Foto: Conny Mirbach 2015)

Gönnt sich zurecht ein Eis für ein erfolgreiches Jahr: Fatoni (Foto: Conny Mirbach 2015)

Du bist momentan bei einigen Tour-Dates von Fettes Brot als Support dabei. Wie waren die bisherigen Konzerte und was sind die größten Unterschiede zu deinen Touren mit Weekend und 3plusss zum Beispiel?

Bei meinen Konzerten sind die meisten Zuschauer männliche Hip-Hop Fans im Alter von 19 – 30 Jahren. Bei Weekend und 3Plusss waren vor allem Teenager und auch sehr viele Mädchen. Bei Fettes Brot ist einfach die Mitte der Gesellschaft. Ich freue mich schon auf meine dritte Tour dieses Jahr mit der Antilopen Gang. Ich hoffe durch all dieses Touren und Releasen spiele ich nächstes Jahr eine eigene Tour vor einem perfekt gemischtem Publikum.

Frühere Support-Acts von Fettes Brot, wie Kraftklub oder Die Orsons, wurden später eigentlich immer sehr erfolgreich. Du kannst dich also auf den kommerziellen Erfolg schon einstellen, damit kommen aber natürlich auch die Hater. In Authitenzität rappst du “Bitte widmet mir einen Diss-Track”. Über wessen Diss-Track würdest du dich am meisten freuen?

Wahrscheinlich würde ich mich in dem Moment doch nicht freuen. Aber eigentlich sehe ich einen Diss nur als umgekehrte Props. Aus den meisten Disses höre ich auch Neid. Am langweiligsten sind sicherlich kalkulierte Promodisses. Aber jetzt warte ich erstmal ab, die Bands, die du genannt hast, machen doch sehr andere Musik als ich. Ich bin noch nicht zu 100 % sicher, ob die Masse mein Zeug so sehr feiert.

Schließen wir das Interview mit positiven Worten ab: Gibt es in deinen Augen außer dir weitere Benjamin Buttons im deutschen Hip-Hop, die immer besser werden und nicht stark anfangen, um dann immer whacker zu werden?

Lakmann ist auf jeden Fall so einer. Auch gibt es Rapper aus der alten Garde, die sich zwar verändert haben aber nicht schlechter geworden sind, wie Dendemann zum Beispiel. Das ist natürlich alles subjektiv und so, aber meine Meinung stimmt natürlich trotzdem.

Vielen Dank für das Interview!

Danke euch.

Fatonis EPs stehen zum kostenlosen Download auf seiner Facebook-Seite zur Verfügung, das sehr empfehlenswerte Album kann man sich mit wenigen Klicks sofort über Amazon oder iTunes holen oder man macht einen Spaziergang zum Plattenhändler seines Vertrauens. Go!

(Marinus Seeleitner)

©Sound Infection 2015