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Österreichs wertvollster Metalexport (Foto: Seth Siro Anton)

Interview mit BELPHEGOR: Wie es sich anfühlt, mit dem Tod zu tanzen

Zugegeben, als ich dieses Mail-Interview mit BELPHEGORs Frontmann Helmuth Lehner in meinem Postfach fand, konnte ich mir den ein oder anderen Lacher nicht verkneifen, weil manche Stellen derart nach Metalklischees klangen, dass sie beinah schon surreal wirkten. Doch Tatsache ist: Wenn es sich jemand erlauben kann, sich in ultimativer Trueness zu wälzen, dann ist es dieser Mensch. denn seit Anfang der Neunziger dominiert die Black/Death-Maschinerie von Belphegor die österreichische Metalszene und lieferte noch kein Album ab, das nicht mit messerschafer Brutalität die verrotteten Leichen aus dem Keller erweckte. Zudem ist Helmuth Lehner im wahrsten Sinne des Wortes bereits von den Toten zurückgekehrt, nach einer komplizierten Herzoperation fiel er monatelang aus und es stand in den Sternen, ob er jemals wieder auf der Bühne stehen würde. Doch hier ist er nun, diabolisch wie eh und je und mit dem im August erscheinenden neuen Ketzerwerk “Conjuring The Dead” im Anschlag. Also Vorsicht vor herumfliegenden Schädelsplittern, denn hier kommen BELPHEGOR:

Freundlicher Zeitgenosse: Helmuth von Belphegor (Foto: Seth Siro Anton)

Freundlicher Zeitgenosse: Helmuth von Belphegor
(Foto: Seth Siro Anton)

Anne: Hier in Deutschland habt ihr immer wieder mit Indizierungen zu kämpfen, was bei Fans zwar oft ein Schmunzeln hervorruft, für euch als Band aber vermutlich viel Ärger und unnötigen Stress bedeutet. Hast du dennoch das Gefühl, dass es oftmals gute Promo für euch ist (da ja gerade oft zensierte Bands wie Eisregen oder Cannibal Corpse viel von sich reden lassen) oder empfindest du es nur als ärgerlich?

Helmuth: Hi Anne. Diese Thematik hat mich seit jeher schon immer interessiert. Besessenheit, Ausschweifung, Rituale, Exorzismus, Reinkarnation – Wiederfleischwerdung. Nicht in Form von diesem christlichen Bibelgeschwätz. Es hat Vor-, sowie Nachteile. Ich meine, Zensur ist anno 2014 eigentlich nur noch lächerlich. Wir haben das nie bewusst gemacht. Wem es gefällt, was wir machen, ehrt uns natürlich sehr. Wem nicht, oder wer sich ans Bein gepisst fühlt, alles okay für mich. Mir gefällt auch vieles nicht, was ich sehe oder höre. Geschmäcker sind verschieden. Jedem das Seine.

Du hast dich nach deiner Herzklappen OP beeindruckend schnell rehabilitiert, doch das war vermutlich ein harter Weg – wie geht es dir nun einige Jahre später gesundheitlich und was würdest du Leuten sagen, die eine ähnliche Operation durchmachen müssen?

Ich war sechs Stunden tot während meiner Operation am offenen Herzen… Es wird einem der Brustkorb aufgesägt, um an das Herz ran zu kommen.. ). Keinen scheiß Tunnel oder Licht am Ende. Aber[ich habe Dämonen, Raben und Prediger an meiner Bettkante sitzen gehabt und habe dadurch einiges mitgebracht von dieser unvermeidbaren Reise. Auf dem fleischigen Death-Thrash- Track IN DEATH habe ich einiges verarbeitet, wie es sich anfühlt mit dem Tod zu tanzen und zurückzukehren, nachdem man sechs Stunden abgeschaltet war. Kein Spaziergang, im Gegenteil. Ich habe über ein Jahr gebraucht, bis ich wieder auf die Bühne zurück konnte und 18 Monate, bis ich die Lead Vocals wieder übernehmen konnte. Die ersten vier bis fünf Monate waren das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Getrieben von ständiger Todesangst, Schmerz und der Tatsache, nichts mehr machen zu können, was eigentlich selbstverständlich war. Man lernt viele Dinge wieder zu schätzen, die vorher eigentlich völlig normal waren. Klar musste ich dadurch Gänge zurückschalten. Wir spielen heuer an die 60 Shows, statt wie zuvor etwa 130 im Jahr.
Das Ziel vor Augen, ein neues Album zu recorden, hat mir sehr geholfen. Ohne Visionen bist du in solchen Situationen verloren. Auch viele Rückschläge haben mich immer wieder am Boden gehalten und weit zurück geworfen. Aber jetzt, wo das Album fertig ist, kann ich es kaum glauben! Das war das schwierigste, zeitintensivste Projekt, das ich je angegangen war. Am Ende waren wir siegreich!

Österreichs wertvollster Metalexport (Foto: Seth Siro Anton)

Österreichs wertvollster Metalexport (Foto: Seth Siro Anton)

Aber lass uns zur Musick [sic!] kommen, um das geht es ja. Wir haben zu CONJURING THE DEAD gerade ein Video gedreht. Die Hauptrolle hat ein bekanntes Fetish-Tattoo-Model aus Germania gespielt, Ms. Makani Terror, sie hat das hervorragend gemacht! Der Clip wird auch auf der Bonus DVD zu sehen sein, die mit dem limitierten Digipak erscheint. Also rennt in die Läden, bestellt das Album vor, wenn ihr auch die Bonus DVD euer eigen nennen wollt. Die DVD beinhaltet über 70 Minuten Laufzeit. Es hat sich nichts geändert. Wir ziehen unser Ding durch, konsequent und ohne Kompromisse. Wir zelebrieren den brachialen Metal of Death.

In einem Interview vor 4 Jahren hattest du erzählt, dass ihr einige Kuriositäten bei euch im Proberaum sammelt, hat eure Kollektion sich mittlerweile erweitert? Und besitzt ihr eure Vogelspinne noch (hatte die einen Namen? Meine heißt Shirley…)

Wir haben die Welt mehrmals bereisen dürfen, hunderte intensive Rituale gespielt, geniales unerschöpfliches Sightseeing gemacht. Auch viele interessante Leute kennen gelernt, jahrelang Exzesse gelebt, mit vielen Künstlern zusammengearbeitet und fast mit allen Bands gespielt, die ich verehre. Da kommt einiges zusammen, was sich in unserem Probebunker angesammelt hat. Von Gasmasken über Schilder, Plakate, hunderte von Knochen, viele Skulls und so weiter. Die Sammlung ist mittlerweile enorm und wird immer mehr. Auf der Bonus DVD haben wir eine Proberaumführung, wo man sieht, wo unser Liedgut entsteht und geschmiedet wird. Diese Höhle ist für mich sehr wichtig, da mich diese ganzen Relikte unheimlich inspirieren, wenn wir an ein neues Projekt rangehen. Ich könnte nicht in einem sterilen Raum Death Musick erschaffen.

Deine Liedtexte sind unter anderem von den Romanen von Sade inspiriert – was liest du sonst noch für Literatur und eignet sich etwas besonders für lange Reisen mit dem Tourbus?
Das weltweite Reisen und geniale Sightseeing… Wir haben Inspiration von überall her, viele magische Plätze weltweit besucht. Wenn man soviel herumkommt, hat man viele Eindrücke in kurzer Zeit, und wir nehmen das alles mit in unsere Texte. On Top wie immer Anti-God, Anti-Life. Ich bezeichne mich als Atheisten, mit Tendenzen zum Nihilismus. Lucifer/Sathan/Lichtbringer benutze ich als Rebell, der aneckt, andere Wege geht, Normen und Regeln bricht, abseits vom Kompost, was einem die dahinsiechende Institution Kirche predigt. Abgeschiedenheit und Isolation ist das Wichtigste, um diese Form von Art zu erschaffen.

Was war das Irritierendste, das du jemals über deine eigene Musik lesen musstest – oder das du niemals lesen wollen würdest?
Wenn nur die Hälfte stimmen würde, müsste ich lebenslang im Gefängnis sitzen oder wäre schon verbrannt worden. Es wird viel Dreck geredet, sogar Lügen verbreitet. Mit dem muss man heutzutage wohl leben. Aber hey, besser negative Kritik als keine, hat schon Elvis Presley gesagt. Es gibt nichts Schlimmeres für Bands, als kein Feedback zu bekommen. Wir hatten dieses Problem nie, im Gegenteil, harrr! Ich kümmere mich wenig um Kritik, wäre nur Zeit- und Energieverschwendung. Wir machen ohnehin das, was wir wollen, verwirklichen unsere Visionen, immer abgegrenzt von Trends oder der gemeinen Schafherden-Mentalität. Viel Feind – viel Ehr. Bei BELPHEGOR gibt es musikalisch & textlich die volle Breitseite. Wir sind keine pseudointellektuelle Truppe, waren wir auch nie. Wir schmieden Extrem-Metal, aus Leidenschaft.

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“Conjuring The Dead” erscheint am 8.August über Nuclear Blast

Interessierst du dich für die Fußball-Weltmeisterschaft oder bleibt ihr in Österreich eher von dem Hype verschont?
Jetzt zum Ende hin ging mir das schon arg am Nerv, echt. Man wird zwangsbeglückt, wie das so ist, mit ständig wiederholender Werbung. Ich schaue kein Fernsehen, bekomme daher wenig mit von dem ganzen Propaganda-Theater. Aber Deutschland hat gewonnen. Ich gratuliere hiermit, denke so etwas ist schon was besonderes für ein Land.

Kritik an organisierten Religionen ist immer wieder eins eurer größten Themen – denkst du, die Welt würde ein Stück friedlicher aussehen, wenn Musik eine Weltreligion wäre oder würde die Menschheit sich auch darüber die Köpfe einschlagen?
Nuke the Planet. Die Menschheit gräbt sich ihr eigenes Grab. An der Spitze regiert eine Ansammlung von geldgeilen, machtgierigen Schauspielern, dauergrinsend und alles verschlingend, was sich in deren Weg stellt.
Profit und Machtgier machen alles kaputt und zerstören unser Umfeld, vergiften die Menschen, die Natur, das Wasser. Zu unseren Texten: Wir benutzen viele alte Chants/Spells/Ketzereien die sich nicht gut anhören, oder der Sinn verlieren, wenn man sie übersetzen würde. Latein ist eine tote Sprache und hat einen eigenen, morbiden Effekt, wenn man sie spricht oder schreit. Dasselbe gilt für die harte deutsche Sprache. Ein weiterer BELPHEGOR-Trademark ist es, diese Sprachen mit Englisch zu mischen und dem ganzen einen eigenen Touch zu verleihen.

Besitzt du Angewohnheiten, die absolut nicht in das klassische Klischee-Bild eines Metalheads passen?
Keine Ahnung wie man einen Metal Head anno 2014 definiert. Ich kenne Ärzte, Leichenbestatter, Elektriker, Väter, Kids, Freidenker, die Metal hören und verstehen. Ich bin ein Metaller. Ja. Ich kümmere mich aber wenig darum, Klischees zu erfüllen, ich liebe Rock und Metal, ich lege mir sogar eine CD in den Player, wenn ich schlafen gehe. Ein Tag ohne Musick ist ein verlorener.
Wie auch immer, das neue Album CONJURING THE DEAD steht ab 8. August im Handel. Das limitierte Digipak kommt mit einer Bonus DVD mit über 70 Minuten Spielzeit. Unsere Zukunftspläne sind, erneut weltweit einzumarschieren und die Tracks von CONJURING THE DEAD live zu präsentieren. Heftige Metal Grüße an alle, die BELPHEGOR supporten, unsere Musick hören, sich unser Merch zulegen und zu den Live-Shows pilgern und dadurch ermöglichen, dass wir weltweit auf Maximum Anschlag trümmern. Hail Metal! Hail Death!

(Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015