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Interview mit Amoral: Ertrunken im Jungbrunnen (mit Michael Jackson)

Von ewiger Jugend, T-Shirt Unfällen und finnischen Klischees: Ein Gespräch mit  AMORAL Gitarrist und Songwriter Ben Varon

Zwar sind die jungen Finnen von Amoral in Deutschland noch nicht jedem bekannt, doch was die Herren in den letzten Jahren geleistet haben, ist durchaus bemerkenswert: Nachdem sie als Death Metal Band bereits in der Szene etabliert waren, schockierten sie ihre Fans, als sie “Idols”-Gesangshow-Gewinner Ari Koivunen plötzlich als neuen Sänger ins Boot holten und somit nicht nur zum Schwarm vieler Teenagermädchen, sondern auch viel melodischer und Prog geladener wurden. Mit ihrem neuen Album “Fallen Leaves And Dead Sparrows” gehen sie nun erfolgreich ihren steinigen Weg weiter und beweisen sich im Interview als lockere, humorvolle Rocker, die nur schwer in Schubladen zu stecken sind.

Anne: Hi Ben, schön mit dir zu reden. Fangen wir doch mal simpel an: Euer neues Album ist größtenteils nach einem Konzept aufgebaut und erzählt die Geschichte eines Protagonisten – würdest du kurz erklären, worum es geht und wie ihr auf das Thema kamt?

Ben Varon: Klar. Im Prinzip begann das Ganze eher zufällig, ich schrieb die Songtexte ohne direkten Plan im Kopf und als ich die ersten Parts fertig hatte, fiel mir auf, dass sie klingen, als würde jemand von seiner Midlife-Crisis erzählen (lacht). Ich habe viel an meine Vergangenheit und besonders meine Kindheit gedacht und diese Nostalgie hat sich in den Texten abgesetzt, besonders jedoch auch meine Angst vorm Älterwerden und davor, dass ich Fehler machen könnte, die sich nie wieder beheben lassen. Denn man kann ja nicht in der Zeit zurück gehen. Und aus dem Gedanken wuchs dann das Albumkonzept und die fixe Idee, dass früher, als man jünger war, die Welt ein Stück besser aussah. Die Beziehungen, die man damals hatte, die einfache Kindheit, sogar eine Drogensucht können romantisch verklärt wirken – plötzlich begann ich, diese Zeiten innerlich zu verherrlichen und genoss es. Mein Protagonist will einfach nicht mehr hier sein, sondern zurück reisen und das tut er dann auch, trotz all der Warnungen, die er erhielt. Irgendwann merkt er jedoch, dass es nicht dasselbe ist wie früher und je weiter die Story fortfährt, desto mehr wird ihm klar, dass es keine gute Idee war, seine Gegenwart zurückzulassen. Das ist jedenfalls die lange Version, sorry dafür (lacht).

 

Amoral (Foto: Valtteri Hirvonen)

Amoral (Foto: Valtteri Hirvonen)

Angst vor dem Älterwerden ist vermutlich nicht ungewöhnlich, doch was genau befürchtest du am meisten? Viele Leute verlieren ja auch ihre Kreativität mit der Zeit, da ihre meisten Gedanken sich nur noch um Familie, Kinder und normale Jobs drehen…

Es geht, ich glaube langsam gewöhne ich mich daran, dass ich nun dreißig geworden bin und Kinder machen mir eigentlich keine Angst. Ich nutze eher die Zeit, mich nochmal mit meiner eigenen Kindheit auseinander zu setzen, indem ich alte Fotos anschaue oder sonstige Erinnerungen aufkommen lasse. Witzig ist dann nur, wenn man auf Sachen stößt, die man ganz anders im Kopf hat, so wie manche Filme, die man als Kind großartig fand und die aber nun, wenn man sie sich heute anguckt, grottenschlecht erscheinen.
Aber nein, ich habe mittlerweile keine Angst mehr vor dem, was kommt, man kann durchaus sein Leben als Erwachsener leben und dennoch an alten Dingen festhalten. Ich glaube nicht, dass eine Familie mich ausbremsen wird. Dennoch zelebriere ich innerlich gern meine Jugend, so wie die Medien es ja auch stets tun, die Frische von Teenagern und Zwanzigjährigen, die Energie und den Gedanken, dass man das Leben immer noch komplett vor sich hat – all das sollte man gedanklich mitnehmen, auch wenn man älter wird.

Bleiben wir mal bei dem Aspekt der Teenagerjahre… warst du selbst jemals ein absolut hysterischer Fan oder ein „Groupie“ von einer Band, hast du früher wirklich verrückte Sachen gemacht?

Naja, heimlich Backstage geschlichen habe ich mich nie, aber natürlich war ich ein riesiger Fan damals. Wenn ich mich für etwas begeistert habe, dann mit voller Wucht! Besonders Michael Jackson hat es mir damals angetan! Er war ein riesiges Genie für mich und damals wollte ich ALLES von ihm besitzen, Poster, CDs, Videos – später kam dann die gleiche Geschichte mit Guns n’ Roses! Ich besitze sogar eine Guns n’ Roses Pinball-Maschine in meinem Haus, nur weiß ich nie, wo ich sie hinstellen soll, ich habe keinen Platz, MUSSTE das Ding aber unbedingt haben.
Ich war also wirklich ein großer, zwanghafter Sammler damals, peinliche Backstagesachen habe ich aber nie gerissen, denn leider kamen die Bands nie in meine Umgebung…

Die Finnen punkten mit ihrem neuen Album "Fallen Leaves and Dead Sparrows" (Foto: Valtteri Hirvonen)

Die Finnen punkten mit ihrem neuen Album “Fallen Leaves and Dead Sparrows” (Foto: Valtteri Hirvonen)

Wenn du dir die Bands anhörst, die heute bei den Teenagern ganz groß sind und hauptsächlich aus der Emo/Metalcore-Richtung stammen, wie denkst du dann darüber? Kannst du dich mit den jungen Leuten identifizieren oder wirkt es für dich mittlerweile lächerlich?

Da hast du mich erwischt, denn das passiert wirklich manchmal! Dass ich mir die Musik anhöre und heimlich denke ‘Scheiße, du bist zu alt für den Kram!’… also zumindest bei diesem Crapcore oder wie man das nennt (lacht). Irgendwann begann es, als ich eines Tages ein Musikvideo sah, wo zu Disco-Sound wild rumgebrüllt wurde und ich wusste: Jetzt ist es so weit. Du wirst alt! Was ist das nur für ein Mist, den die Kinder heutzutage hören, ich kapier’s einfach nicht!
Seither versuche ich, mir viel Modern Metal anzuhören und mich damit anzufreunden, das klappt aber nur bei sehr wenigen Acts. Das meiste ist mir zu vorhersehbar mit „Ah ja, da kommt der Breakdown, hier der tierische Schrei und danach natürlich der Refrain mit plötzlich melodischer Engelsstimme“. Das neue Bring Me The Horizon Album war allerdings viel besser, als ich dachte, gewisse Bands sind durchaus interessant, das meiste davon gefällt mir persönlich aber nicht.

Jetzt, wo ihr euren Sänger Ari im Line Up habt, der ja vor einigen Jahren „Idol“ [die finnische Variante von Deutschland sucht den Superstar] gewonnen hat, wie hat sich da eure Fanbase geändert, ihr werdet doch sicher viele Teenie-Mädchen vor der Bühne haben?

Ja, schon. Wir hatten ja drei Alben herausgebracht, bevor Ari zu uns stieß und waren eine „normale Metalband“ mit „normalen Metalfans“, doch mit seinem Einstieg kam eine riesige Welle neuer Fans dazu, darunter natürlich auch typische Teenagergirls, die eigentlich nur „Idols“ schauen und mit Metal wenig am Hut haben. Allerdings muss man sagen, dass Ari ja schon vor „Idols“ ein Metalhead war und bei der Show Songs von Sonata Arctica oder Stratovarius sang und es deshalb keine total abstruse Wendung war, dass er zu uns stieß. Hätte er nur Madonna gesungen, wäre das etwas anderes gewesen…

Es war sicher für dich damals nicht einfach, diese Entwicklung mit der Band zu gehen – wie hat sich denn dadurch deine Einstellung zu Kritik verändert, trifft sie dich jetzt immer noch so wie zu Anfang deiner Karriere?

Man MUSS einfach damit lernen umzugehen, sonst zerbricht man daran. Gerade bei Aris Einstieg kam eine große Welle der fiesen Kritik auf uns zu, die Medien, die Fans, JEDER hat uns für eine Weile gehasst, und das hat uns natürlich alle erst einmal fertig gemacht, aber da mussten wir durch. Ich bin nur froh, dass wir erst mit Ari das Album aufgenommen haben und danach publik machten, dass er unser neuer Sänger ist, andersherum hätten wir vielleicht schnell den Schwanz eingezogen inmitten dieses Shitstorms, die Sache noch einmal überdacht und Ari mit einem weniger prominenten Sänger ersetzt. Aber letztendlich haben sich die Wogen ja geglättet und ich bereue die Entscheidung absolut nicht.

Wo du gerade von „Shitstorm“ sprichst… als ihr vor ein paar Jahren mit Amorphis in Deutschland wart, gab es ja einen etwas irritierenden Aufschrei in unseren Medien, nachdem Ari in Hannover ein Bandshirt von Burzum auf der Bühne trug…

Oh Gott, ja… (lacht)

Sänger Ari Koivunen mit dem verhängnisvollen Burzum Shirt in Hannover (Foto: Anne Swallow)

Sänger Ari Koivunen mit dem “verhängnisvollen” Burzum Shirt in Hannover (Foto: Anne Swallow)

Ihr schient ja aus allen Wolken gefallen zu sein, als es danach plötzlich hieß, dass ihr eine Nazi-Band wärt…

Das war ein ziemlicher Fehlgriff damals… Wir in Finnland empfinden Burzum als reinen Witz, eine superduperböse, übertriebene Black Metal Band, die fröhlich Kirchen abfackelt. Wenn man hier über Vikernes spricht, dann eigentlich nur mit abfälligen Scherzen, ich kenne auch niemand, der sich den Müll ernsthaft anhört. Und Ari hatte das T-Shirt irgendwo auf Tour gekauft und trug es als Parodie mit der Aussage „Haha, ich bin sooo böse, ich höre Burzum“ , deswegen hatten wir nicht die LEISESTE Ahnung, dass wir damit in Deutschland irgendjemanden kränken oder provozieren könnten. Als dann nach der Show ein Fan auf uns zukam und fragte „Was sollte das denn, wieso tragt ihr Shirts von Nazibands auf der Bühne?!“ waren wir völlig entsetzt und dachten uns „Ach du schhh…“. Die ganze Sache war einfach nur ein unüberlegter Witz gewesen, der total nach hinten losging.

Keine Sorge, ich glaube darüber ist mittlerweile Gras gewachsen… Gehen wir mal von den deutschen Klischees zu den finnischen: Ihr wirkt wie eine sehr seriöse Band, die genau weiß, was sie will, wenn sie ins Studio geht und keine Zeit verschwendet, indem sie dort lange Alkoholorgien feiert – spielt Alkohol dennoch eine Rolle bei eurem Songwriting?

Eine wesentlich kleinere als bei anderen finnischen Bands. Ich halte nichts von der Glorifizierung von Alkohol und bin auch kein großer Säufer, meine Freunde machen sich eher über mich lustig, dass ich schon umfalle, wenn ich zwei Bierflaschen geleert habe. Es nervt mich, dass aus Alkohol so eine große Sache gemacht wird, in Musikvideos oder im Ruf einer Band. Wen interessiert es, wenn Leute in Interviews erzählen, dass sie sooo besoffen waren – das ist alt und ausgelutscht, einfach Kinderkram! Es reicht mir schon, wenn ich auf Tour mal eine flasche Bier in der Hand habe und sofort alle rufen „Mensch, du bist doch Finne, du musst viel mehr trinken!“ und ich denk mir nur „Ach, geh doch weg mit deinen Klischees!“ (lacht)
Sicher trinken wir in der Band gern mal einen, aber ich würde nie mit Alkoholikern arbeiten wollen, die einem die Show versauen und auf die Bühne kotzen!

Das nenne ich mal eine coole Einstellung… Wie war es denn für euch. wieder mit Marco Hietala zu arbeiten? Magst du Nightwish und wenn ja, was hältst du von ihrem neuen Line Up mit Floor Jansen?

Ich liebe Nightwish über alles und war schon ein großer Fan, als sie noch mit ihrem ersten Album in kleinen Clubs gespielt haben. Seitdem kaufe ich mir alles, was sie auf den Markt bringen und ich bin absolut begeistert von Floor Jansen, sie macht einen unfassbar guten Job live und es ist genial, wie sie sowohl die alten, als auch die neuen Songs performen kann. Sie muss einfach bei Nightwish bleiben!

Ich liebe, wie sie das Ende von „Ghost Love Score“ umsetzt…

Oh Gott, ja! Das verschafft mir Gänsehaut. Ich bin eh der Meinung, Tuomas Holopainen ist einer der größten Songwriter unserer Zeit, es ist phänomenal, was er kann.

Das stimmt allerdings. So Ben, ich danke dir vielmals für deine Zeit und hoffe, ihr schafft es bald mit eurem neuen Album hier nach Deutschland.

Noch gibt es nichts Offizielles, aber ich denke, das sollte klappen!

(Anne Catherine Swallow)