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So sieht es aus: Das Cover von Nightwishs "Endless Forms Most Beautiful" (Quelle: Nuclear Blast)

Eine Zeitreise mit NIGHTWISH: Vom Lagerfeuer bis zur Evolutionstheorie

Bevor wir euch nächste Woche endlich das ausführliche Interview mit Mastermind Tuomas Holopainen auftischen können, flattern wir heute noch einmal durch die Bandgeschichte der Finnen und geben einen kleinen Einblick in die neuen Songs auf “Endless Forms Most Beautiful”.

„When you look at the world, it’s just full of endless forms most beautiful. And it’s such a liberating thought that all the living things on earth share common ancestors. And with this album we want to raise awareness to this beautiful fact, that we are not above other creatures, we’re just a part of it as human beings” – Tuomas Holopainen

Jukka Nevalainen (1.v.r.) wird sich für das neue Album eine Auszeit nehmen müssen (Foto: Tim Tronckoe)

(Foto: Tim Tronckoe)

Wo die Vorstellungskraft aufhört und Worte nicht mehr greifen, dort setzt NIGHTWISHs Musik an. Denn seit 1996 gelingt es Tuomas Holopainen, pure Poesie in Musik zu verwandeln – mit ihrem soundtrack-artigen, bombastischen Symphonic Metal sprengen NIGHTWISH immer wieder die Vorstellungskräfte der Szene und setzen neue Maßstäbe.
Nichts hat es je geschafft, Tuomas Holopainen seiner visionären Kreativität zu berauben und das, obwohl die Vorgeschichte des achten NIGHTWISH Albums „Endless Forms Most Beautiful“ alles andere als rosig aussah: Denn als die damalige Frontfrau Anette Olzon im Herbst 2012 inmitten der US-Tour die Band verließ, vermuteten Fans das definitive Ende von NIGHTWISH. Doch Tuomas und seine Kollegen hatten bereits ein Ass im Ärmel, das sie sofort aus Europa einfliegen ließen, um die Tour zu retten: Ex-After Forever und Revamp-Stimmwunder Floor Jansen. Mit unvergleichlichem Charisma und immenser Willenskraft lernte die Niederländerin in nur 48 Stunden die Setlist und schaffte auf Anhieb, tausende von Fans in ihren Bann zu reißen: „Floor, stay!“ hieß es auf unzähligen handgeschriebenen Plakaten von Konzertbesuchern und die Band erhörte ihre Gebete: Im Oktober 2013 und nach unzähligen gemeinsamen Konzerten auf dem ganzen Globus, baten NIGHTWISH ihrer bis dato noch „Gastsängerin“ an, ein festes Mitglied zu werden. Und wer gebeten wird, die Frontfigur einer der erfolgreichsten Metalbands aller Zeiten zu werden, kann nicht nein sagen.

Doch „Endless Forms Most Beautiful“ ist nun nicht nur das erste gemeinsame Studioalbum mit Floor, sondern auch mit dem Flötisten und Dudelsackmeister Troy Donockley. Leider musste Langzeitdrummer Jukka Nevalainen hingegen aus gesundheitlichen Gründen eine Pause einlegen, sodass nun Wintersun-Schlagzeuger Kai Hahto diesmal am Trommlerschemel wütet.

An einem mitternächtlichen Lagerfeuer hatte Tuomas Holopainen 1996 erstmals die Inspiration gepackt – und genau zu dieser Atmosphäre passen auch die ersten Songs, die er für sein neues Kind NIGHTWISH schrieb. Neben Saitenguru Emppu Vuorinen holte er sich das Sopranwunder Tarja Turunen ins Boot, wusste zu dem Zeitpunkt aber nicht, dass er mit der damals noch ungewöhnlichen Kombination von Power Metal und Operngesang ein komplett neues Genre in die Heavywelt reißen würde. Bereits im darauffolgenden Jahr unterzeichneten die jungen Finnen aus Kitee ihren ersten Plattenvertrag mit Spinefarm und die rasante Karriereleiter konnte erklommen werden. Mit ihren ersten Alben „Angels Fall First“ und „Oceanborn“ brach die Euphorie zwar erst noch in kleinen Kreisen los, als die Band sich 2001 jedoch Marco Hietala von Sinergy und Tarot an Bord holte, um die Sopran-Vocals mit einer Prise männlichem Gesang zu würzen, öffneten sich der Band alle Türen. „Century Child“ sicherte NIGHTWISH 2002 ihren unumstößlichen Status als Skandinaviens erfolgreichste Metalband und als die Band dann zusätzlich an ihrer orchestralen Ausstattung feilte und mit „Once“ (2004) ein Epos erschuf, das an Dramatik, ohrwurmlastigen Melodien und Herzblut kaum zu übertreffen war, wusste nicht nur die Metalszene, sondern bald die ganze Welt von den Genreavantgardisten. Bereits am Tag der Veröffentlichung heimsten NIGHTWISH Platin ein, der Rest Europas folgte dem Beispiel – mit einer Million verkaufter Platten hat die Band ihren phänomenalen Zenit erreicht.

(Foto: Ville Akseli Juurikkala)

(Foto: Ville Akseli Juurikkala)

Doch Erfolg ist nicht immer alles. Nach schweren internen Differenzen trennte die Band sich von Sängerin und Bandgesicht Tarja Turunen. NIGHTWISH schienen am Ende zu sein, denn einen Ersatz für eine so unvergleichliche Stimme zu finden, wirkte unmöglich. Doch Tuomas wuchs an den Herausforderungen und ließ zu dem Zeitpunkt die düstersten Gedanken direkt durch seine Finger fließen – heraus kam das emotionsgeladene „Dark Passion Play“, für das die Band die neue Sängerin Anette Olzon zu sich ins Rampenlicht holte. Gleichzeitig wurde der Stil der Band immer filmmusiklastiger: Orchester und bombastische Chöre standen deshalb auch bei „Imaginaerum“ auf dem Plan. Aber noch hatten NIGHTWISH nicht ihr perfektes Line-Up gefunden, Anette musste mit viel Kritik von Seiten der Fans und Presse kämpfen und die allgemeine Unzufriedenheit schlug sich letztendlich auch auf die Band nieder – NIGHTWISH zerbrach ein weiteres Mal und die Herren trennten sich von Anette.

Doch im Jahr 2014 scheint endlich alles zu stimmen. Mit Floor Jansen und Troy Donockley im frischen Line-Up haben NIGHTWISH endlich ihren gemeinsamen Nenner gefunden und dieses Gemeinschaftsgefühl schlägt sich vom ersten Moment an in den Arbeiten am neuen Album „Endless Forms Most Beautiful“ nieder. Statt Songwriter Tuomas Holopainen im Alleingang auf das Album loszulassen, schaltet sich hier Bassist und Sänger Marco Hietala ein und steuert einen Teil zum Songwriting bei, nichtsdestotrotz dürfen Fans weiterhin 100% virtuosestes NIGHTWISH erwarten. Denn auf ihrem achten Album präsentiert die Symphonic-Legende sich laut Tuomas „heavier and back to the roots“, ganz im Stil von ihren alten Alben „Oceanborn“ und „Once“.

Was die Texte angeht, streckt die Band ihre Fühler jedoch in eine überraschend neue Richtung aus, denn statt ihrer biografisch angehauchten Melancholie setzt sie nun auf „harte Fakten“ der Evolutionstheorie. Denn bevor es Tuomas zur Musik zog, war es immer sein großer Wunsch, Biologe zu werden. Deshalb gibt er sich nun einmal ganz seiner Leidenschaft hin und versucht, die Schönheit der Welt und all ihren Lebewesen in seiner Musik einzufangen. Inspiriert wurde er dabei von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins, den er sogar für eine kleine Sprechrolle auf zwei Tracks gewinnen konnte: „Wir waren davon überwältigt, dass er tatsächlich zugesagt hat, als wir ihn fragten. Er bekommt solche Angebote ständig und schlägt sie sonst immer aus, bisher war sein einziger Auftritt in der Popkultur eine Appearance bei den Simpsons!“, berichtet Tuomas in einem Interview mit Nuclear Blast. Und obwohl der Wissenschaftler mit den finnischen Symphonic-Meistern bis zu dem Zeitpunkt nicht vertraut ist, überzeugen die Youtube-Videos der Band ihn und er nimmt die Einladung an. Für Tuomas stellte der Tag, an dem sein Idol Dawkins für NIGHTWISH die gesprochenen Passagen im Studio aufnimmt, einer der schönsten seines Lebens dar.

floorklein

Nightwish’s Flying Dutchwoman: Floor Jansen

Doch was wären NIGHTWISH, wenn sie sich nicht immer wieder neu erfinden und übertreffen würden? Dies mit einem Monumentaltrack, der “Ghost Love Score” wie ein kurzes Intro erscheinen lässt. Mit 24 Minuten Laufzeit (!) handelt es sich bei „The Greatest Show On Earth“ um den laut Tuomas „ultimaten Nightwish Song“, der alles vereint, was die Finnen je ausgemacht hat. Er beschreibt in fünf Kapiteln das Leben auf unserem Planeten – vom Ursprung der Welt über die lange Evolution hinweg, bis hin zu einer unklaren Zukunft und der Frage, was aus unserem Planeten werden wird. Experimentelle Prog-Klänge und ruhige Passagen wechseln sich mit Richard Dawkins’ Stimme ab, nur um danach brachial das kurze Leben von uns allen musikalisch zu feiern. Die Finnen machen mit diesem Epos deutlich, wie winzig und unbedeutend ein einzelner Mensch in Raum und Zeit ist, jedoch mit der finalen Botschaft, dass man die wenigen Momente, die ein Leben ausmachen, auch nutzen sollte.

Nicht nur für die Ohren ist „Endless Forms Most Beautiful“ deshalb gigantisches Neuland, sondern auch für Sängerin Floor Jansen sind die Songs eine Mission, die sie bis ans Äußerste ihrer Kräfte treibt: „Ich wollte eine echte Herausforderung für sie schaffen!“, erklärt Tuomas. Besonders auf softe Passagen legte er großen Wert, doch auch die Tatsache, dass das niederländische All-Around-Talent die letzten Jahre ihre Grunts perfektionierte, wollte er nicht unter den Tisch fallen lassen und erstmals in einen NIGHTWISH-Song einbauen. Fans sollten jedoch keine zu opernhaften Passagen oder gar Tarja-Kopien erwarten, denn Tuomas wollte bewusst nicht in die Richtung der alten Vocals gehen und den altbekannten Gesangsstil der ersten Alben imitieren.

Opulent wird es aber dennoch – denn von den elf Tracks sind acht mit dem berühmten Londoner Orchester inszeniert, ohne dabei jemals das Zentrum der Songs zu verlieren: Die Band. Aber die perfekte Dosierung von Chor, Orchester und normaler E-Gitarre ist Tuomas schließlich schon immer gelungen. Und in der Hinsicht ist das Album auch exakt wie sein von Toxic Angel entworfenes Coverartwork: Voller Liebe zum Detail, mit unterschiedlichsten Elementen bepackt, aber keinesfalls überladen.

Der Heavy Opener „Shudder Before The Beautiful“ ist gleich zu Beginn der schnellste Track des Albums und umschreibt das Gefühl der packenden Faszination, die Menschen empfinden können, wenn sie sich in Ruhe die Welt anschauen: Von bombastischen Naturgewalten bis hin zum Wiegen einzelner Grashalme im Wind. „Awake, Oceanborn“ heißt es in den Lyrics, und neben der kleinen Anspielung, die eingefleischte Fans natürlich verstehen werden, wollen NIGHTWISH einfach sagen: „Wach auf, Mensch! Und genieße die Schönheit der Welt, solange du kannst“.

So sieht es aus: Das Cover von Nightwishs "Endless Forms Most Beautiful" (Quelle: Nuclear Blast)

“Endless Forms Most Beautiful” erscheint am 27.3. über Nuclear Blast

Die am 13. Februar vorab veröffentlichte Single „Élan“ ist laut Tuomas allerdings kein repräsentativer Song für das gesamte Album, sondern bewusst simpel gehalten, um Radiohörer langsam an das neue Album heranzuführen. Mit „Alpenglow“ hingegen entstand ein etwas anderer Lovesong, der sowohl zeigt, wie Menschen auf ungewöhnliche Art ihre Liebe zueinander zeigen können, als auch die Frage behandelt, was nach dem Tod mit uns passiert. Wer hier eine schnulzige Ballade erwartet, liegt jedoch falsch, denn lediglich der Song „Our Decades In The Sun“ (absoluter Geheimtipp!) verschreibt sich der softeren Gangart und ist ein Dank aller Bandmitglieder an ihre Eltern – wie immer ohne jemals in Kitsch abzudriften. Denn Holopainens Kompositionen waren schon immer so losgelöst von Klischees, Kopien oder Einfallslosigkeit, dass sie nie die Grenze zum Pathos zu überschreiten drohten. Mal ehrlich: Wenn es gelingt, einen Kinderchor in Metalsongs einzubauen ohne bei dem Hörer Würgereflexe auszulösen, steht sofort fest – es kann nur NIGHTWISH sein.

Das fast anderthalbstündige “Endless Forms Most Beautiful” erscheint am 27. März 2015 über Nuclear Blast und lässt sich bereits in jedem gewünschten Format hier vorbestellen.

(Anne Catherine Swallow)

©Sound Infection 2015