Wanda_Bussi_Album-Cover
  • Release Date: Oktober 02, 2015
  • Catalog No: B012BTVOZ2
  • Label: Vertigo Berlin (Universal Music)
  • Type: Pop und Rock
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Wanda – Bussi

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Auf zur Afterparty

Nicht einmal ein Jahr nachdem Wanda mit ihrem Debüt Amore die hiesige Poplandschaft pulverisiert haben, schicken sie uns noch ein Bussi hinterher. Aber was kommt nach einer Platte, die man jetzt schon getrost als eine der wichtigsten deutschsprachigen Erscheinungen des jungen Jahrhunderts bezeichnen kann? Eine bahnbrechende Weiterentwicklung scheint aufgrund des kurzen Zeitraums zwischen den beiden Alben ausgeschlossen, braucht es aber auch gar nicht. Der Erstling war Innovation genug, die Konzerte ekstatische Erlebnisse. Der Gipfelsturm der Alpenländler scheint unaufhaltsam, also geht es genau so weiter wie bisher: Mit Romantik, Rausch und Rock’n'Roll.

Mit dem Refrain „1,2,3,4 – es ist so schön bei dir“ heißen uns die Österreicher willkommen zurück. Das können wir nur freudig erwidern, lassen unsere Weinflaschen auf der Sause in Bologna stehen und betreten im Morgengrauen mit nacktem Oberkörper unter der Lederjacke die gehypte Afterparty. Ein bisschen rührselig erinnern wir uns dann aber in Meine beiden Schwestern auch schon an „die Flaschen von gestern“, an unseren unbedingten Willen nach Schnapskonsum und das heimliche Sehnen nach einem Pistolenlauf. Da ist es wieder, das Amore-Gefühl zwischen grenzenloser Leidenschaft und hineingesteigerter Verzweiflung, welches in den Stunden nach Mitternacht in engen Kopfsteinpflastergassen sein Unwesen treibt und uns plötzlich von hinten umarmt. Das Herz wird schwer, aber das ist verdammt nochmal gut so.

Die erste Single Bussi Baby tanzt sich mit beinahe schon nervigem Gitarren-Lick in den Gehörgang und man ist etwas irritiert von diesem für Wanda-Verhältnisse sehr offensichtlichen Hit. Ob der Song in einem Jahr ein Klassiker ist oder doch eher ein Opfer der Skip-Taste wird, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Es besteht allerdings die Gefahr von zukünftigen Oktoberfest-Impressionen, in welchen sich selbsternannte Schickeria-Mitglieder gegenseitig abbusseln, während fidele Volksfestmusiker „Hast du ein Bussi, Baby, Bussi, Baby, Bussi, Baby“ skandieren ohne die betäubende Zweideutigkeit zu erkennen.

Jene, die hier schon eine Sexismus-Debatte entfachen wollten, werden dann bei der Zeile „Nimm sie, wenn du glaubst, dass du’s brauchst / steck’ sie ein wie 20 Cent“ von Nimm sie wenn du’s brauchst mit Fackeln und Mistgabeln vor Wandas Proberaum erscheinen. Obwohl Popmusik einst das jugendliche Sprachrohr für provokante und augenzwinkernde Meinungen war, ist es heutzutage selten geworden Texte dieses Genres zu finden, die über eine Ebene hinausgehen oder den Künstler gar in eine andere Identität schlüpfen lassen. Während es im Hip-Hop oder Metal zum guten Ton gehört mindestens einmal auf der Platte Gewalt zu verherrlichen, ist die Doppelbödigkeit und Schauspielerei der Populärmusik abhanden gekommen. Hier muss man Wanda einfach in die späten Achtziger-Jahre verfrachten, als von Künstlern wie Falco oder sogar Madonna noch kein genormter Pop produziert wurde. Hinsichtlich des Sounds sind sie in dieser Zeit eh besser aufgehoben.

Zurück zum Album: Es wird beinahe unverschämt oft vom Vorgänger zitiert. Das sollte aber keinesfalls als Einfallslosigkeit interpretiert werden, macht es doch den Reiz des Wanda-Kosmos aus, bekannten Parolen, Figuren oder Stilmittel immer wieder gegenüber zu treten. Und wann gibt es schon eine Band, die so konsequent mit einem Begriff in Verbindung gebracht werden kann, weil sie ihn schlicht und ergreifend lebt, wie Wanda mit Amore. Es ist doch schön zu wissen, dass man bei Wanda immer in einen sicheren Hafen schippern kann, wenn man sich einem Lebensgefühl von unbändiger Leidenschaft mit allen positiven und negativen Seiten hingeben möchte. Live wird wohl der Song Alarm! ein besonderes Highlight werden, denn wer macht schon einen Refrain, in welchem Sirenen einfach mündlich artikuliert werden: „Diüiüi Diüiüi Alarm! Diüiüi Amore!“

Lässige Popmusik mit Testosteron und Nikotin (Foto: Pressefoto Vertigo Berlin, Florian Senekowitsch 2015)

Lässige Popmusik mit Testosteron und Nikotin (Foto: Pressefoto Vertigo Berlin, Florian Senekowitsch 2015)

Kleine Neuheiten gibt es aber tatsächlich auch noch zu finden, zum Beispiel vermehrt Streichereinsätze (Gib mir alles, Mona Lisa der Lobau) und Bläser (Lieber dann als wann). Darüber hinaus heißt der Thomas der letzten Platte nun Andi und dieser braucht im Umgang mit den Frauen ganz dringend ein bisschen mehr Schmäh (Andi und die spanischen Frauen), den die Wiener ja glücklicherweise zur Genüge besitzen. Als Abschluss der zweiten Wanda-Scheibe machen die Jungs in Kein Herz im Hirn dann noch deutlich, dass eh alles „wurscht“ und „scheißegal“ ist, also kann jeder von Bussi halten, was er will, das kümmert die Jungs einen feuchten Kehricht.

Wie beim Vorgänger braucht man mehrere Durchläufe um die Komplexität und Genialität der oberflächlich simplen Songs würdigen zu können. Dass Amore schwer zu toppen ist, sollte jedem klar sein, Bussi ist aber ein mehr als würdiger Nachfolger und wickelt den Hörer abermals in eine kratzige, nach Rauch stinkende Wolldecke ein, in der man es sich nach der ersten Irritation schön bequem machen kann und sich schon bald wie zu Hause fühlt. Danke Österreich.

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(Marinus Seeleitner)