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  • Release Date: September 11, 2015
  • Catalog No: B0118DT18E
  • Label: Virgin Records (Universal Music)
  • Type: Hip-Hop
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Romano: Jenseits von Köpenick

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Bühne frei für den schönen General

Er rappt über seine Lieblings-Metalbands, gibt jedem seiner Freunde einen Klaps auf den Po und schlendert mit College-Jacke und blonden Zöpfen durch sein Viertel. Lange gab es keine so verwirrende, aber auch keine derart interessante Figur im deutschen Musikgeschäft wie Romano. Aber Obacht. Es handelt sich hierbei nicht um eine Kunstfigur. Romano ist einfach nur er selbst und macht das, worauf er Lust hat. Und wenn plötzlich jemand Hip-Hop auf Schlager treffen lässt und dabei Texte über Metal schreibt, kann das die in Schubladen Denkenden schon aus dem Konzept bringen.

Obwohl es sich um sein Debütalbum handelt, ist Romano kein blutiger Anfänger. Seit über einem Jahrzehnt macht er schon Musik, mal als englisch rappender Cornerboy auf einem Siriusmo-Track, welcher übrigens auch die Beats für Jenseits von Köpenick beigesteuert hat, oder als Schlagersänger mit offener, blonder Mähne und weißer Leinenhose. Seit März geistert nun das Video zu Metalkutte durch das Netz, wo ein langhaariger Wladimir Putin – wie Romano in Kommentaren unter dem Video oft bezeichnet wird – mit glitzernder 49ers-Footballjacke über seine Patches rappt und seine favorisierten Metalbands aufzählt während vier Jungs in Corpsepaint eine Boyband-Choreo durchziehen. Auch wenn sich die richtig „trven“ Metalfans über die Aussprache des Wortes Thrash-Metal aufregen, konnte Romano mit diesem wunderbar-skurrilen Stück Applaus aus vielen verschiedenen Sparten einheimsen. Wenn man die heutige Internetgemeinde noch mit Musik verstören kann und diese sich fragt „Was habe ich da gerade gesehen?“, ist man definitiv innovativ.

Die weiteren Vorab-Veröffentlichungen Brenn die Bank ab und Klaps auf den Po konnten dann thematisch gegensätzlicher nicht sein. Einerseits ein politisch motivierter Track über den Finanzsektor, andererseits ein sommerlich-leichter Song darüber, warum jeder zur Begrüßung einen freundschaftlichen Klaps auf den Po verdient hat. Nach diesen drei völlig unterschiedlichen Singles legt man nun das Album ein und bekommt genau das, was man erwartet: Überraschungen. Frei nach dem Motto: Expect the unexpected.

Sei es die West-Coast-Hommage an seinen Bezirk Köpenick oder die musikalische Fahrt im Sextrain, wie er die Berliner S3 liebevoll bezeichnet, die Scheibe fackelt ein Feuerwerk aus dem Absurditätenkabinett ab, das sich Romanos Alltag nennt. Immer dreckig, immer Straße, aber auch immer zuvorkommend und gut parfümiert. Romano ist halt nicht nur Hip-Hop, sondern auch Schlager.

Ein Paradiesvogel in Bomberjacke und Trainingshose: Romano (Foto: Pressefoto Virgin Records 2015)

Ein Paradiesvogel in Bomberjacke und Trainingshose: Romano (Foto: Pressefoto Virgin Records 2015)

Wie unterhaltsam diese Symbiose sein kann, zeigt sich besonders in Der schöne General. Perfekt gepflegt und gestylt inszeniert sich Romano als rappender Befehlshaber, bleibt dabei „dominant, aber immer charmant“. Und nach dem zweiten Refrain kommt dann tatsächlich ein formvollendetes Schlagerzwischenspiel:

„Ich schieß’ dich hoch in den siebten Himmel / nehm dich mit auf meinem weißen Schimmel / ich bin ein Mann von Welt / Baby, du brauchst kein Geld / das alles kann auch dir gehören“

Das alles über trashige Bläser aus dem Keyboard und Vocoder-Sounds. Herrlich.

Allerdings geht Romano auch weit über die heile Schlagerwelt hinaus, beschreibt Liebe und Sex nicht mit Phrasen und Naturmetaphern, sondern direkt und unverblümt (Maskenball, Heiß Heiß Baby). Das Kennenlernen findet auch nicht im Tanzlokal auf Capri statt, sondern über das Internet, wie in Romano und Julia: „Du wirst die Mutter meiner Kinder / sagt Tinder“. Das ist zeitgemäß kitschig und besonders mit Romanos Auftreten im Hinterkopf einfach geil.

Der Köpenicker mag kurios und gewöhnungsbedürftig wirken, aber er hat mit seinem Debütalbum etwas erschaffen, was man so noch nie gehört hat. Dafür muss man ihm Respekt zollen, auch wenn man mit seiner Musik vielleicht nichts anfangen kann. Für alle anderen ist Jenseits von Köpenick ein höchst unterhaltsamer Soundtrack für Road-Trips, Maskenbälle oder sogar den nächsten Malle-Urlaub, wenn man zwischen Trichter und Sangria-Eimer doch einmal Lust auf hochwertige Schlageransätze verspüren sollte.

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(Marinus Seeleitner)