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Raury – All We Need

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Wo ist der Hype?

Manchmal gibt es Songs, die dich nach den ersten Takten sofort umhauen, die dich mit offenem Mund zurücklassen und dir vermitteln, dass du gerade etwas Großes, vielleicht sogar etwas Musikhistorisches gehört hast. Das ist meist rational nicht zu erklären, aber du möchtest das euphorische Gefühl in der Magengegend weitergeben. Und sobald der Erste deiner Freunde mit einem Schulterzucken oder den Worten „Meh, ganz nett” antwortet, wird dir wieder bewusst, wie subjektiv Musik doch ist, was ein einziger Song in einem auslösen kann, während er anderen nicht einmal nicht gefällt, sondern gleichgültig ist. God’s Whisper von Raury ist so ein Song.

Dieses Lied befindet sich zwar nicht auf dem Album All We Need, sondern auf dem Debüt-Mixtape Indigo Child aus dem Jahre 2014, es ist aber das perfekte Beispiel, um zu verstehen, wie der junge Mann aus Atlanta Musik macht. Damals war er 18 Jahre alt und hat seine Hip-Hop-Wurzeln mit Folk- und Singer-Songwriter-Einflüssen gepaart, um einen äußerst homogenen Sound zu erschaffen, der uns auf dieser Seite des Atlantiks wohl am ehesten an den Hinterland-Casper erinnert, allerdings mit etwas mehr Soul anstatt Reibeisen in der Stimme.

Jetzt ist er 19 und ein Weltverbesserer, irgendwo zwischen Hippie und Hip-Hop, ein John Lennon unter gelangweilten Vorstadt-Jugendlichen. So findet sich auch sogleich im Titeltrack des Albums eine Beatles-Referenz: „Who can save the world, my friend? / All we need is love”. Diese Zeile ist stellvertretend für Raurys gesamtes Schaffen, seine Gesinnung, seine Ideale. Die Frage nach der Rettung der verkommenen Welt, die ultimative Antwort durch Liebe und Frieden. Textlich wäre Raury definitiv besser in den 60er-Jahren aufgehoben, heute sticht er dafür umso mehr hervor und versetzt die großen Fragen der Menschheit in den zeitlichen Kontext, welchen ein Kind der späten 90er-Jahre nur haben kann, ein Kind, das eine Welt ohne Internet und Smart-Phones nur vom Hörensagen kennt. Dabei beschäftigt Raury nicht nur das zwischenmenschliche Miteinander, sondern auch der Umgang mit der Umwelt und die Achtung vor der Natur, wie in Forbidden Knowledge:

„Forbidden Knowledge can destroy mankind/
We can grow out of control like cancer under the skin of Mother Nature/
Busy cities much alike to a tumor/
too many cells, the residents, the body’s pollutor”

Neben der musikalischen Reife sind es eben vor allem Raurys Texte, die für einen Jungen seines Alters schlicht bemerkenswert sind. Vielleicht braucht es aber auch diese jugendliche Unerschütterlichkeit, um solche Thematiken glaubwürdig, wertvoll und integer zu verhandeln, fernab vom Pathos eines Band-Aid-Spenden-Songs. Es braucht auch keine gefühlvollen Streicher oder Oktavensprünge um Emotionen zu plastizieren, Raury schafft berührende Momente mit minimalistischen Akustik-Gitarren, die selbst über Trap-Beats schrammelnd funktionieren. Man nehme nur das nicht weniger grandiose Devil’s Whisper, den Nachfolger unseres Einstiegssongs:

Auf Albumlänge weist Raury zwar noch keine hundertprozentige Treffsicherheit auf, muss er aber mit seinen 19 Jahren auch gar nicht. Dafür gibt es eben auch diese besonderen Momente, wie zu Beginn beschrieben. So schaffte es Raury auch in seiner noch relativ kleinen Fangemeinde jetzt schon Größen wie Kanye West und Andre3000 zu versammeln, Künstler, die einst ebenso frischen Wind in die Szene brachten wie Raury aktuell.  Bleibt nur die Frage: Wo sind die Lobeshymnen mit Superlativen wie Wunderkind oder kommender Superstar? Wo sind die Beschreibungen als Bon Iver des Hip-Hops, als Kendrick Lamar des Folks, als genreübergreifende Instanz, die für das Gute in der Welt einsteht? Kurz: Wo ist der Hype?

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(Marinus Seeleitner)