• Release Date: Februar 26, 2016
  • Catalog No: B01AOB8KDI
  • Label: Rykodisc (Warner)
  • Type: Hip-Hop
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Macklemore & Ryan Lewis – This Unruly Mess I’ve Made

Rating:

Ambivalent im Showgeschäft

Return of the Mack! Das kongeniale Hip-Hop-Duo aus Seattle stellt auf seiner neuen Platte wieder einiges an. Man findet Parallelen zum mittlerweile dreieinhalb Jahre alten Erfolgsalbum The Heist, neue schwere Themengebiete, die lyrisch beackert werden müssen, unzählige Feature-Partner und Widersprüchliches aus der Welt der Rap-Außenseiter. Leicht haben Macklemore & Ryan Lewis es sich und ihren Hörern nicht gemacht, Spaß macht’s trotzdem. In diesem Sinne: „Time to explain this unruly mess I’ve made.“

Macklemore & Ryan Lewis bleiben thematisch ambitioniert und musikalisch catchy (Foto: Jason Koenig)

Macklemore & Ryan Lewis bleiben thematisch ambitioniert und musikalisch catchy (Foto: Jason Koenig)

Das ganze Schlamassel erklärt Macklemore in bester Rahmen-Binnen-Erzähltechnik. Der erste Song Light Tunnels nimmt uns mit auf eine Preisverleihung. Macklemore zerlegt hier auf sieben Minuten das Showgeschäft mit all seiner Oberflächlichkeit, Affektiertheit und Sensationslust. Ob es nun ein auf der Bühne wütender Kanye West oder doch ein Busenblitzer ist, Skandale sind erwünscht, denn das generiert Klicks – „This is Economics”. Dann bekommt der angewiderte Macklemore auch noch einen Preis überreicht und er muss das Bussi- und Dankesredenspielchen mitmachen. Aber siehe da: trotz „fake smiles” würde er eigentlich auch nächstes Jahr wieder gerne dabei sein.
Und da haben wir auch schon die Ambivalenz des Albums: Macklemore sinniert zu Beginn über seine selbstgegebene Außenseiterrolle im Musikbusiness und spezifiziert diese im Abschlusstrack (dazu später mehr), dazwischen legen er und Lewis eine astreine Hip-Hop-Scheibe vor, die zwischen Tanz, Spaß und Tränendrüse alles bietet, was das Showgeschäft verlangt.

Man nehme nur die Single Downtown, welche mit ihrem unwiderstehlichen Strophengroove wohl das neue Thrift Shop werden dürfte. Der poppig-soulige Refrain und das alberne Video im postmodernen West-Side-Story-Style geben der Hittauglichkeit den letzten Schliff. Ähnlich funktioniert Dance Off (feat. Anderson. Paak & Idris Elba), der Nachfolger des Kultsongs And We Dance. Hier zeigen Macklemore & Ryan Lewis, dass sie das Geschäft perfekt verstanden haben und sich nicht davor scheuen, ein Teil davon zu sein.
Auch Buckshot (mit den Legenden KRS-One und DJ Premier) und Brad Pitt’s Cousin machen unheimlich Spaß, sind aber sehr viel weniger auf Charterfolg ausgerichtet. Die Ansage „All my Angelinas, if you got it, let me see it“ sollte im Club dennoch funktionieren wie einst Can’t hold us.

Highlight dürfte allerdings der Track Kevin sein. Macklemore hat seine frühere Drogen- und Alkoholsucht ja bereits in Songs aufgearbeitet, diesmal geht es dem immer „erfolgreicher” werdenden Missbrauch von verschreibungspflichtigen Tabletten an den Kragen . Eine sehr ruhige, aber treibende Strophe bietet Macklemore viel Spielraum, seine technischen Fähigkeiten und sein Charisma in der Stimme auszuspielen. Der schwebende Refrain von Soulsänger Leon Bridges bettelt den Herrn Doktor um Pillen an, bevor Macklemore ausrastet:

Got anxiety, better go and give him a Xanax / Focus, give him Adderall, sleep, give him Ambien / ‚Til he’s walking ‚round the city looking like a mannequin

Der letzte Song White Privilege II schließt dann den Rahmen und greift nicht nur die gesellschaftlichen Probleme in den USA, sondern eben auch Macklemores Rolle darin auf. Obwohl er momentan einer der erfolgreichsten Rapper ist, tut er sich schwer, sich als Teil des Hip-Hop zu sehen, da es für ihn nach wie vor eine schwarze Kunstform ist. Und wenn dann sieht er sich als Nutznießer von rassistischer Unterdrückung, da es seiner Meinung nach als Weißer nicht sein Recht ist, diese Musik zu formen und zu repräsentieren. Er beleuchtet auf über acht Minuten sämtliche Facetten des Themas, streut Zitate von Betroffenen ein und erschafft damit mehr ein politisches Statement als einen Song. Vielleicht bearbeitet er die Thematik übersensibel, vielleicht spricht er damit aber auch vielen US-Bürgern aus der Seele. Allein dass er dieses Problem anspricht, ist aber definitiv wichtig und richtig.

This Unruly Mess I’ve Made ist eine würdige Weiterführung von The Heist. Wieder wechseln sich catchy Mainstream-Hits (man beachte den Gastbeitrag von Ed Sheeran auf Growing Up) und reflektiert bearbeitete Nachdenktracks ab, die Produktion von Ryan Lewis ist vielleicht noch einen Ticken ausgereifter, die Texte von Macklemore noch ambitionierter. Das funktioniert nicht komplett, aber größtenteils sehr gut. Die selbsternannten Außenseiter sind sich der Widersprüchlichkeit ihres Schaffens bewusst und thematisieren diese explizit, damit zimmern sie dennoch weiter an ihrem Thron, egal, wie sehr sie sich auch dagegen wehren.

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(Marinus Seeleitner)