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  • Release Date: Oktober 09, 2015
  • Catalog No: B0155O6AZY
  • Label: Showdown (Warner)
  • Type: Hip-Hop
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Keno – Paradajz Lost

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Die Tragödie von der verlorenen Tomate

Keno hat genug. Genug von der Ausbeutung von Natur und Mensch, von grenzenlosem Konsum, vom Kreislauf der Dinge. Der Münchner MC, der früher Teil der Hip-Hop-Gruppe Creme Fresh war und jetzt Frontmann der Urban Brass Band Moop Mama ist, ist schon lange für seine Position am Rande der Gesellschaft und seine kritischen Texte bekannt, ein Anprangern auf Albumlänge hat er sich für sein Solo-Debüt Paradajz Lost aufgehoben.

Albumtitel und Cover lassen schon erahnen, dass sich Partytracks wohl eher nicht auf der Platte finden lassen. Phonetisch bezieht sich der Name natürlich auf das verlorene Paradies, was das gezeichnete Artwork untermauert. Dieses zeigt einen Garten Eden, welcher voll mit Plastiktüten und allerlei Konsumgütern ist, zusätzlich setzt sich im Hintergrund eine Silhouette aus Strommasten und einem Atomkraftwerk zusammen. In diesem Garten sitzt ein Keno-Adam auf einem Baumstumpf und macht ein Selfie, daneben steht Eva mit einem Rucksack in der einen und einer Tomate in der anderen Hand. Die rote Tomate ist der einzige Farbklecks auf dem ansonsten schwarz-weißen Cover. Und da „Paradajz” in einigen Balkanländern das Wort für Tomate ist, wird klar, dass dem Nachtschattengewächs eine besondere Bedeutung auf dem Album zukommt.

Zunächst macht Keno aber den Backpacker, verschwindet in Richtung Bosporus und lässt sich dort vom Sound des Anadolu Rock inspirieren. In Zusammenarbeit mit Flying Pussyfoot entstehen Beats, welche den Geist in den Südosten Europas und darüber hinaus wandern lassen. Erstmal Abstand gewinnen von den gesellschaftlichen Zwängen, von der Verfügbarkeit rund um die Uhr und erst zurückkommen, wenn man wieder hört, sieht und fühlt. Derart erleuchtet kann anschließend in einer gänzlich anderen Version von Über den Wolken Reinhard May zitiert werden:

„Über den Wolken / malt mein Flieger einen Streifen Kerosin an den Himmel und alles, was mir da / grenzenlos scheint / ist die Art mit der wir alles auffressen, unser unstillbarer Appetit”

Mit einem leckeren Glas Tomatensaft beendet der Track die Kritik an der Zivilisation, die im Falle einer Katastrophe vor den Ruinen des Supermarkts verhungern würde. Drastisch, deutlich, aber nicht unwahrscheinlich.

Urbaner Naturfreund mit deutlichen Ansichten: Keno (Pressebild Showdown, Maxi Baier 2015)

Urbaner Naturfreund mit deutlichen Ansichten: Keno (Pressebild Showdown, Maxi Baier 2015)

Der See beschreibt dann einen geografischen Lebensraum, welcher durch Grenzziehung in zwei oppositionelle Räume unterteilt wurde. Auf der einen Seite das Tourismusgebiet, wo Einheimische hart arbeiten, aber die Hoffnung dank ihres Glaubens nie verlieren, auf der anderen Seite Bunker statt Kirchen und desillusionierte Bewohner, die in Industrieruinen leben. Die Grenze dazwischen ist dicht, die Infrastruktur endet abrupt. Kann man einfach mal so wirken lassen. Mit dem Thema Grenzen beschäftigt sich dann ebenso Geschlossene Gesellschaft. Der deutsche Personalausweis als Backstagepass und der lückenlose Lebenslauf als wichtigstes Werkzeug des Arbeitnehmers stehen im Mittelpunkt des Diskurs. Hier sei neben den textlichen Stärken Kenos vor allem der Beat gelobt, denn diese Bassline würde wohl auch Bootsy Collins mit Freuden sein Eigen nennen.

Doch besonders die Nahrungsmittelindustrie bekommt immer wieder ihr Fett weg. Mit Mittel- statt Zeigefinger seziert Keno auf den Songs Paradajz Lost und Kreislauf mit wenigen Zeilen große Agrarbetriebe, Patentrechte, Pestizideinsatz, Genmanipulation und Fast-Food-Ketten. Hier wird die Tomate zum Symbol und Leitmotiv einer verkorksten Landwirtschaftspolitik:

„Könige der Nahrungskette / die die wichtigsten Agrarpatente mit sich auf die Arche retten / wir wissen, man kann jederzeit Tomaten essen / doch haben vergessen, dass Tomaten hier längst nicht mehr nach Tomaten schmecken”

Keno hat mit Paradajz Lost ein Konzeptalbum geschaffen, auf welchem er soziale Fragwürdigkeiten detailliert beobachtet und schonungslos kommentiert. Obwohl die Gesamtlänge nur knapp 32 Minuten umfasst, fühlt man sich am Ende ein bisschen erledigt bei dieser Fülle an negativen Umständen auf der Welt. Wichtig sind die Themen aber nun einmal und mit Keno hat sich jemand dieser angenommen, der weiß, wovon er rappt und wie er seine Position sprachlich messerscharf, aber dennoch künstlerisch wertvoll verpacken kann. Starkes Ding.

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(Marinus Seeleitner)

©Sound Infection 2015