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  • Release Date: Juli 10, 2015
  • Catalog No: B00WJ244SQ
  • Label: Vertigo/Universal
  • Type: Hip-Hop
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K.I.Z.: Hurra die Welt geht unter

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Endlich Apokalypse

Wer K.I.Z. nicht kennt und ihre Paradeplatte Hahnenkampf hört, sieht in ihnen die Verkörperung alles Schlechten. Wer denkt, er habe die Kannibalen in Zivil durchschaut und sich auf eine neue Scheibe voller, in Pöbelei und Pogo versteckter, Gesellschaftskritik freut, wird mit Hurra die Welt geht unter auch vor den Kopf gestoßen. Schlechter ist das neue Album trotzdem nicht. Oder gerade deswegen.

Nur nicht falsch verstehen, das K.I.Z.-Feeling strömt immer noch aus jeder Zeile und jedem Beat, nur nicht mehr ganz so prollig. Mit der Inszenierung als Götter strotzt schon der Opener Wir vor Größenwahn und Blasphemie und verspricht textlich beste Unterhaltung. Außerdem stellt er klar: „Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen, wenn ihr bei K.I.Z. nicht lacht, ihr Amöben.“ Ein gefühlvoll von Tarek gesungener Refrain, sowie ein „Ihr seid alles, wir sind nichts“ skandierender Chor runden den geradezu epischen Albumeinstieg ab.

Das folgende Geld erzählt von der größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich auf einem beschwingten Old-School-Beat. Millionäre und Obdachlose werden dabei gleichermaßen zum Mitmachen animiert, während der gemeine Hörer noch überlegt, ob er nun mit dem Kopf nicken oder ihn doch lieber schütteln soll.

Können auch als Führer den Weltuntergang nicht verhindern: K.I.Z. (Foto: Christoph Voy)

Können auch als Führer den Weltuntergang nicht verhindern: K.I.Z. (Foto: Christoph Voy)

Die erste Auskopplung Boom Boom Boom bewegt sich am Ehesten in den Gefilden von Hahnenkampf und Urlaub fürs Gehirn. Auf dem aggressivsten Track der Scheibe drohen K.I.Z. unter anderem jenen, die momentan als „besorgte Bürger“ auf die Straße gehen und gegen Asylantenheime demonstrieren. Aber auch die sogenannten „Partypatrioten“, die lieber wegschauen und in den Club gehen, bekommen auf einem Beat mit großem Feierpotenzial ihr Fett weg und so verkünden die K.I.Z.-Selbstmordattentäter in der Vengaboys-Hook „Boom boom boom boom, ich bring euch alle um“. Ob das Anstiftung zum Terrorismus ist und das dazugehörige Video Gewalt heroisiert, wie Die Welt kürzlich aufwarf, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Allein die Diskussion zeigt allerdings, dass die Jungs von K.I.Z. ihr Handwerk immer noch perfekt beherrschen.

Auch Ariane, die Geschichte eines im Refrain vor seinem Chef buckelnden, aber in den Strophen aggressiven, sexuell-dominanten Ich-Erzählers, und Ehrenlos sind Gesellschaftskritik im synthie- und basslastigen Partygewand. Käfigbett schlägt instrumental in die selbe Kerbe und dürfte durch die von Maxim dargebotenen Mordfantasien eines elternhassenden Kleinkindes bei Family Guy-Fans schmunzelnd die Gedanken in Richtung Stewie schweifen lassen.

Wäre Hurra die Welt geht unter ein Konzeptalbum mit narrativer Chronologie, könnte man den vorletzten Song Was würde Manny Marc tun als finalen Grund für die Apokalypse bezeichnen. Die Kollaboration mit Oberatze Manny Marc beschreibt in perfektem Zusammenspiel von Text und Musik, was in den Augen von K.I.Z. momentan falsch läuft. Nach eindringlicher Beschreibung pädophiler Väter, verängstigter Flüchtlinge und überforderter Eltern und Kinder fordert der Refrain als brutaler Kontrast zum Vergessen der Probleme auf. Ballermannmusik und Autoscootertechno blasen mit Hilfe von stumpfen Mitgrölparolen den Kopf frei. An der Einstellung „Wegschauen, lieber feiern“ wird die Welt zu Grunde gehen und lauscht man nach sechzigminütiger Gesellschaftskritik den paradiesischen Zuständen der dystopischen Nachwelt des abschließenden Titeltracks kann man den Weltuntergang kaum erwarten.

Im Vorfeld der Platte inszenierten sich die vier Berliner in schwarz-orangen Uniformen als Führer der Menschheit, die an den Fan appellieren und vor den Hatern warnen. Einige aus dem Fanlager werden nach diesem Album wohl auf die Haterseite wechseln, obwohl die aufrechten, weisen und stabilen Staatsmänner eben dem vorbeugen wollten. „Es fehlt die Aggressivität“, „Was hat ein ernsthaftes Trennungslied auf einem K.I.Z.-Album verloren“ (Freier Fall), „Es gibt keinen Track bei dem ich dumm mitschreien kann“, so das kritische Facebook-Volk. Vielleicht ist in einer Welt, deren Nachrichten von Kriegen, Flüchtlingsdramen und Spitzelskandalen beherrscht werden, aber auch das bisher nachdenklichste und unzynischste K.I.Z.-Album die größte Provokation.

Daher: Glückwunsch K.I.Z.! Mission accomplished.

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Tourdaten

(Marinus Seeleitner)

©Sound Infection 2015