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  • Release Date: November 06, 2015
  • Catalog No: B015QN61HQ
  • Label: WSP Records (Chapter ONE / Universal Music)
  • Type: Hip-Hop
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Fatoni & Dexter – Yo, Picasso

Rating:

Das Selbstportrait des Benjamin Button

Nachdem sein ehemaliger Creme Fresh-Kollege Keno vor einem knappen Monat sein Solo-Debüt veröffentlichte, kommt nun von Fatoni schon der nächste cremige Release aus München ums Eck. Yo, Picasso heißt das gute Stück und entstand in Zusammenarbeit mit dem früheren Casper- und Cro-Produzenten Dexter. Was Fatoni auf den beiden Free-Download EPs Die Zeit heilt alle Hypes und C’MON-EP bereits an doppelbödigen Texten und Flow präsentierte, ließ aufhorchen und so sind die Erwartungen an die LP nicht gerade klein. Diese werden aber alles andere als enttäuscht.

Ein starkes Doppel mischt den deutschen Hip-Hop auf: Fatoni & Dexter (Foto: Conny Mirbach 2015)

Ein starkes Doppel mischt den deutschen Hip-Hop auf: Fatoni & Dexter (Foto: Conny Mirbach 2015)

Der Albumeinstieg Benjamin Button ist ein ordentlicher Track mit allerlei Seitenhieben auf altehrwürdige Rap-Ikonen, der Fatoni dabei hilft, sich selbst zu positionieren. Wo die Helden der Jugend mit jedem weiteren Release eigenhändig an ihrem Thron sägen, geht es für Fatoni immer weiter steil nach oben. Die übermütige Selbsteinschätzung gehört beim Hip-Hop natürlich zum guten Ton, aber Fatoni hat im Gegensatz zu vielen Kollegen Recht damit. Dabei hält er nicht viel von einem bestimmten Image, sondern macht im sehr freshen Authitenzität klar: „Scheiß auf Authentizität, ich will einfach nur ich selbst sein“. Am Ende des Tracks wirft er aber gleich noch die philosophische Frage hinterher: „Wie ist man denn überhaupt sich selber?“

Fatoni ist am besten er selbst, wenn er sein poetisches Talent mit seiner messerscharfen Beobachtungsgabe und der zynischen Formulierung des Gesehenen verbindet. Wie in 32 Grad. Erst wird eine entspannte MC-Fitti-Atmosphäre aufgebaut, nur um dir dann einen astreinen Flüchtlingskommentar aus dem lampedusischen Touristengebiet um die Ohren und das Gewissen zu schleudern. Es ist unmöglich einen Textauszug hier hervorzuheben, denn jede Zeile sitzt perfekt. Noch eindringlicher wird der vermeintliche Feel-Good-Sound in Verbindung mit dem Video, wo Miami Vice-Optik auf Berge aus Rettungswesten trifft.

Die Menschheit im Allgemeinen bekommt dann auf Semmelweisreflex ihr Fett weg. Der Song folgt einem einfachen, aber genialen Schema. Die erste Strophe erzählt vom Arzt Ignaz Semmelweis, der im 19. Jahrhundert im Kaisertum Österreich praktizierte und welcher ob seiner Idee, dass Mediziner sich die Hände waschen sollten, um Infektionen vorzubeugen, zu Lebzeiten belächelt wurde. Die zweite Strophe stellt dann Dr. Edward Clarke vor, seines Zeichens Professor in Harvard, der der aufkommenden Emanzipation entgegentrat und einen Bestseller schrieb, welcher Frauen das Lernen und Studieren untersagte, da ihre Gehirne nicht dafür ausgelegt seien und ihre Veranlagung des Gebärens dadurch beeinträchtigt würde. Anhand dieser beiden Beispiele stellt Fatoni die Urteilsfähigkeit der Menschen in Frage und zieht das schlichte, fast ein wenig resignierte Fazit: „Wir sind alle superklug“.

Die Klugheit Fatonis quillt aber tatsächlich aus jeder Formulierung. Der Münchner ist ein sehr reflektierter und bedachter Rapper, der mit Spitzen und Kritik nicht geizt, aber alles derart intelligent verpackt, dass die Kritisierten es womöglich gar nicht verstehen. Auch die anderen neun Tracks haben einige Highlights zu bieten. Textlich ist vor allem die fünfminütige Pechsträhne Stalingrad hervorzuheben, welche auch die schlimmsten Ereignisse in Relation zu Hodenkrebs setzt. Eine gewöhnungsbedürftige, aber geniale Ode an den Optimismus. Aber auch Dexter sorgt für einige instrumentale Glanzpunkte. Der Grundsound versetzt den Hörer in eine gemütliche Oldschool-Stimmung, zusätzlich packt Dexter aber gerne musikalische Querverweise und Besonderheiten in seine Beats, wie in ADHS oder Schauspielführer.

Yo, Picasso ist passenderweise ein kleines Kunstwerk mit viel Liebe fürs Detail geworden. Intelligenteren, aber gleichzeitig humorvollen Hip-Hop kann man momentan nur schwer finden, vor allem Freunde von Ironie müssen Fatoni für seine Texte Tribut zollen. Warum es nicht die volle Punktzahl gibt, dafür ist Fatoni selbst verantwortlich, denn als selbsternannter Benjamin Button des Raps wird er ja noch besser werden. Die Latte hat er mit einer großartigen Auswahl und Vielzahl an Themen selbst sehr hoch gelegt und hat er doch mal keine Lust über etwas zu reden, holt er sich Kryptik Joe von Deichkind ins Boot und isst lieber, anstatt zu diskutieren. Konsequent.

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(Marinus Seeleitner)

©Sound Infection 2015