• Release Date: August 14, 2015
  • Catalog No: B010CGPR8G
  • Label: Vertigo Berlin/Universal Music
  • Type: Hip-Hop
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Chefket: Nachtmensch

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Ein Nachtmensch greift nach den Sternen

Als Support von Größen wie Marteria oder Jan Delay hat Chefket bereits Höhenluft geschnuppert und die große Aufmerksamkeit kennengelernt. Nun wird es Zeit, dass er selbst im Fokus steht. Mit seinem neuen Album Nachtmensch katapultiert sich Şevket Dirican, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, in die erste Riege einer neuen deutschen Hip-Hop-Szene, die nicht über ihren Bizeps oder das harte Leben im Ghetto rappt. Und singen kann er auch noch.

Der Einstieg Rap & Soul, der als erste Single bereits seit Wochen auf den Hip-Hop-Portalen dieses Landes rotiert, zeigt Chefkets Stärken eindrucksvoll. Ob schnell oder langsam, der Chef verliert nie die Leichtigkeit seines Flows und unterstreicht zudem den relaxten Beat mit entspannten Gesangspassagen. Chefket weiß, er ist mehr als ein gewöhnlicher Rapper: „Ich bin Rap / ich bin Soul / ich bin Jazz / Rock’n’Roll“. Jetzt schon einer der besten Hip-Hop-Tracks des Jahres.

Die bewusste Abgrenzung von schlecht gelauntem Gangsta-Rap oder Fitness-Rap à la Kollegah formuliert Chefket im zweiten Song Glücklichster Rapper: „Alle prahlen die ganze Zeit und sagen sie hätten viel Geld / aber Chefket ist der glücklichste Rapper der Welt“. Außerdem ist ihm Beef unbekannt und er sieht keinen Sinn darin über Muskeln zu reden. Auch wenn diese Entwicklung im deutschen Hip-Hop spätestens seit Caspers XOXO-Album bereits kommerzielle Erfolge erzielen kann, ist es doch immer wieder erfrischend, dass es Rapper gibt, die nicht vor ihrem geleasten Mercedes grimmig in die Kamera drohen.

Durch die Nacht mit Chefket: Liebend gerne (Foto: Georg Roske 2015)

Durch die Nacht mit Chefket: Liebend gerne (Foto: Georg Roske 2015)

Weitere Songs herauszupicken fällt schwer, da sich das komplette Album auf durchgehend hohem Niveau befindet. Das wiederkehrende Thema ist dabei, getreu dem Titel des Albums, das nächtliche Leben und alles, was damit zusammenhängt. Es geht um Tanz, zwischenmenschliche Annäherung (Lass gehn‘, Carie me Homeland), Träume und den Kater danach, auf den man sich auch irgendwie schon gefreut hat. Kurzum: Das Leben einer Person, welche mit zunehmender Dunkelheit immer aktiver wird, das Leben eines Nachtmensch. Das alles ist derart sympathisch und stimmig dargeboten, dass sich selbst der radikalste Frühaufsteher danach sehnt, sich doch einfach mal wieder die Nacht spontan ohne Ziel und Plan um die Ohren zu schlagen.

Die letzten drei Songs hätten thematisch ebenso gut auf die Identitaeter-EP aus dem Jahre 2013 gepasst. Vernichtung, Wir und Immer mehr beschäftigen sich mit menschlichen Abgründen und der Frage nach persönlicher und nationaler Identität. Das ernste Dreigestirn als Abschluss eines äußerst kurzweiligen Albums regt zum Nachdenken an, erhebt aber nie oberlehrerhaft den Zeigefinger. Chefket weiß nicht nur durch Technik, Musikalität und Unterhaltung, sondern eben auch durch Inhalt zu überzeugen.

Drückt man nach dem letzten Track nicht sofort wieder auf Play, kann das nur den Grund haben, dass man in Tagträumereien versunken ist, in denen man mit dem sympathischen Kerl einen Tag auf auf dem Skateboard verbringt beziehungsweise mit dem glücklichsten Rapper der Welt nachts um die Häuser zieht. Nachtmensch ist nicht nur eine Huldigung an den Hip-Hop und an die Soul-Musik, sondern vor allem an eine Generation, die auch mit Mitte Dreißig noch keinen Plan vom Leben hat, aber dennoch nicht verlernt hat zu träumen und seine Ideale zu formulieren. Ein herausragendes Album, das in der Plattensammlung eines Hip-Hop-Fans keinesfalls fehlen sollte.

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(Marinus Seeleitner)