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  • Release Date: Februar 12, 2016
  • Catalog No: B019EN52WE
  • Label: Vertigo Berlin (Universal Music)
  • Type: Pop und Rock
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Bosse – Engtanz

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Der musikalische Zenit eines ganz normalen Poeten

Er hat nicht die größte Stimme, tanzt ein bisschen ungelenk und tritt gerne in simplen T-Shirts und Kapuzenpullis auf. Betrachtet man die marktüblichen Mechanismen, ist es eigentlich völlig unerklärlich, wie Axel Bosse seit Jahren ganz oben im deutschen Musikgeschäft mitmischen kann. Dafür schreibt er unvergleichlich lyrische Texte, singt diese live voller Inbrunst und ist einfach ein unheimlich sympathischer Charakter. Irgendwie einer von uns. Nun steht sein neues Album Engtanz im Plattenladen und belehrt uns eines Besseren: Bosse ist gar keiner von uns, er ist ein gottverdammtes Musikgenie im Körper eines grundnormalen Niedersachsen. Frechheit.

Hinter diesen netten Hundeaugen steckt ein musikalisches Genie. (Foto: Benedikt Schnermann)

Hinter diesen netten Hundeaugen steckt ein musikalisches Genie. (Foto: Benedikt Schnermann)

Ob man nun in der Stimmung ist oder nicht, Bosse ballert auf Engtanz einen punktgenauen Song nach dem anderen um die Ohren des geneigten Rezipienten, sodass dieser im Drei-Minuten-Takt von Tanzen auf Trauern auf Träumen und zurück auf Tanzen switchen muss. Los geht das Gefühlschaos mit der Aussteigerhymne Außerhalb der Zeit samt Bläserbombast und zarter Klaviermelodie. Bosse bricht auf in neue Gefilde und wir freuen uns, dass er uns mitnimmt, auch wenn er eigentlich laut Text gar nicht gefunden werden möchte. Ein Opener, der stellvertretend für ein ganzes Album ist: Bosses vielleicht bisher höchstes musikalisches Level, ein Text, der einen sofort anspricht und animiert und viele Überraschungen.

Wie der fulminante Casper-Feature-Track Krumme Symphonie. Anders als bei den meisten genreübergreifenden Hip-Hop-Gastauftritten gibt es bei Bosse aber keinen harten Break für den Rap-Part, der Song ist einfach von Beginn an mit großem Orchester beatlastig instrumentiert, sodass die beiden Buddies sich auf dem gleichen Playback austoben können. Der verrückte Lauf des Lebens wird hier in ein tanzbares Gewand verpackt, Mordor verhandelt das Thema Vergangenheit dann teils wehmütig, teils in optimistischer Aufbruchstimmung. Allgemein beschäftigt sich Bosse anno 2016 ausgiebig mit dem Erwachsensein und verabschiedet sich von Lebensphasen und Menschen wie im melancholischen Albumabschluss Ahoi Ade.

Dem gegenüber steht das Gute-Laune-Tanzbein-Duo Immer so lieben und Wir nehmen uns mit, welches sich nicht nur durch seine Feel-Good-Attitüde, sondern auch durch die intelligente Beobachtung von Beziehungen auszeichnet – auch der Beziehung zu sich selbst:

„Es ist so leicht von vorne zu beginnen,
aber so schwer der Wahrheit wegzurennen.
Wir könn’ das Leben ewig ändern, aber tauschen nicht,
wir folgen uns, wir nehmen uns mit.”

Auch Beziehungen, die noch nicht einmal angefangen haben, sondern im Rausch der Party erst Hypothesen sind, weiß Bosse eindrücklich zu artikulieren, wie Blicke beweist. Außerdem sollte man noch die tolle erste Singleauskopplung Steine würdigen, oder Insel mit einem sensationell-berührenden Trompetenpart, nicht zu vergessen Dein Hurra, eine Ode an die ergriffenen Chancen und Nachttischlampe, der Song für die Rast- und Schlaflosen. Und schon wurde jedes Lied auf dem Album erwähnt. Sie haben es aber auch alle verdient.

Man hört tatsächlich in jeder Sekunde, dass Bosse und sein Produzent Philipp Steinke diesmal sehr viel Aufwand und Mühe in den musikalischen Teil der Platte gesteckt haben. Vieles wurde aufgenommen, vieles probiert, vieles wieder verworfen. Was übrig bleibt, ist ein Album, das einerseits enorm energetisch und tanzbar, andererseits sehr berührend und eng geworden ist. Kein Engtanz in der klassischen Schwofassoziation – auf der Wortzusammensetzung liegt der Fokus. Und dennoch rotiert die Scheibe wie aus einem Guss im CD-Player.
Chapeau, Herr Bosse.

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(Marinus Seeleitner)

©Sound Infection 2015