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  • Release Date: November 27, 2015
  • Catalog No: B014K2N8XY
  • Label: Trailerpark (Groove Attack)
  • Type: Hip-Hop
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Alligatoah: Musik ist keine Lösung

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Wenn Hunde die besseren Menschen sind

Nach Triebwerke veröffentlicht Alligatoah mit Musik ist keine Lösung sein mittlerweile viertes Album. Beschäftigte sich das Vorgänger- und Nr.-1-Album noch mit den Themen zwischenmenschlicher Beziehungen, beleuchtet Alligatoah nun gesellschaftliche Zusammenhänge und verschiedene Sichtweisen, die der Mensch im System auferlegt bekommt oder innehat.

Seit bereits neun Jahren macht der selbsternannte Schauspielrapper bereits Musik. Seine Vielschichtigkeit lässt sich hierbei nicht nur in den doppelbödigen Texten und Sichtweisen erkennen: Die Hip-Hop-Band Alligatoah vereint den Rapper Kaliba 69 sowie den DJ Deagle – allesamt Alter Egos des Wahlberliners Lukas Strobel.

Der musikalische Tausendsassa, der seine Musik nicht nur eigenständig produziert, sondern auch noch für das Einspielen jedes Instruments verantwortlich ist, beweist auch hier wieder seinen Hang zum intelligenten Geschichtenerzählen.

Schon in der Vorab-Single Denk an die Kinder instrumentalisiert Strobel die Masche eines C-Promis, der mit Hilfe eines von Kindern getragenen Charity-Songs nach neuer Berühmtheit giert. Dies gipfelt schließlich im ‚We are the World‘-artigen Zusammenspiel und -gesang der Garde der deutschen Popmusik über Xavier Naidoo oder den Sportfreunden Stiller – wunderbar persifliert durch den Schauspielrapper selbst.

Wer im breiten Reigen des 15 Tracks starken Albums einzig eine lustige und oberflächliche Darbietung sieht, verkennt die Vielschichtigkeit des Protestsängers auf Metaebene. In Lass liegen spielt Alligatoah nicht nur auf den offensichtlichen Missstand einer Wegwerfgesellschaft an, sondern greift mit der Hook einen Schritt weiter:

„Ich wurde heute morgen von ‘nem Panzer geweckt
Lass liegen, lass liegen, lass liegen, lass liegen bleiben
Drunter lag ein Mann, der seine Hand nach uns streckt
Doch wir haben keinen Platz zu bieten
Lass liegen“

Mit dem Bedienen an Blümchens 90er-Jahre-Dancepop-Zeile ‚Wie ein Boom-Boom-Boom-Boomerang‘ zeichnet er anschließend einen kontrastierenden Gegensatz zur darauffolgenden Aussage „Rief ich in den Wald, doch ich vergess, dass der auch rufen kann“ und dem nicht folgen- aber oft gedankenlosen Handeln der Gesellschaft.

Auch in Teamgeist, dessen Anfang musikalisch stark an das ebenfalls gesellschaftskritische Lied Junge von den Ärzten erinnert, zeichnet Alligatoah das Bild eines Mobs von Verschwörungstheoretikern, indem er die streitenden Massen in ein extrem überspitztes Feindbild von Hunde- und Katzenfreunden, Äpfeln und Birnen sowie Hut- und Mützenträger aufspaltet und in Bezug auf aktuell relevante Thematiken mit dem Rassenkampf gleichsetzt. Die Schuld sieht der Mensch hierbei nach Alligatoah jedoch nie bei sich selbst, wie Hab ich Recht aufzeigt:

„Seitdem mich meine Frau verließ, ist mir klar: Die Politik hat versagt“.

Bitterböse besingt Alligator in Comeback des Jahres die Rückkehr einer Krebserkrankung. Neben einer anfänglich aufkommenden Empörung, ob das Spiel mit dem Satz „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“ im diesem Kontext vielleicht doch etwas zu weit greift, erkennt man anschließend die intelligente Darstellung des Ansatzes, dass die Bedrohung des Menschen immer in ihm selbst begründet liegt.

Seinen Höhepunkt findet Musik ist keine Lösung im gleichnamigen Titeltrack, der ein einnehmendes und intensives Grande Finale des gesamten Schauspiels darstellt. Hier spricht Alligatoah sein Alter Ego Kaliba 69 direkt an und setzt zu einem letzten Rundumschlag gegen sich selbst und andere Protestsänger an und verwischt hierbei die Grenze zwischen Ironie und Ernst:

„Gib die Menschheit auf, Kaliba, du verschwendest deine Kunst
Sie wollen Änderung, doch sagen ihre Hände wär’n gebunden,
da sie dunkle Mächte lenken, blah, sie quengeln wieder rum -
aber die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.“

Neben dieser ironisch verpackten, doch extrem vielschichtigen Kritik findet man Alligatoah-typisch melodiöse und sehr eingängige Hooks, vielschichtige Instrumentendarbietung und extrem guten Rap, der durch gut durchdachte und aufeinander abgestimmte Reimstrukturen überzeugt. Der Musiker Lukas Strobel beweist sich auch in der Umsetzung als breit aufgestellter Künstler.

Empfehlenswert ist auch die neu konzipierte Umsetzung der Albumsongs mit Hilfe verschiedener Straßenkünstler, welche ihren Platz auf einer zweiten CD der Deluxeversion gefunden haben.

Musik ist vielleicht keine Lösung, doch verbreitet Alligatoah neben Eingängigkeit und grundlegender Freude mit seinem neuen Album erste Anregungen, die durch mehrmaliges Hören auch bei dummen Menschen zu immer mehr Lösungsansätzen führen könnten.

Alligatoah Homepage
Alligatoah Facebook

(Nina Sigl)