From the Blog

Zwei Viertel der Taka-Tuka-Miliz: Tarek und Nico (Foto: Marinus Seeleitner)

Aufrecht, weise und stabil: K.I.Z. erobern das Haus Auensee

Ein ausverkauftes Haus Auensee erwartete am 27.11. freudig die Apokalypse, denn K.I.Z. und ihr Taka-Tuka-Zirkus machten auf ihrer Hurra, die Welt geht unter-Tour Halt in Leipzig. Über zwei Stunden ballerten die Kannibalen dem ekstatischen Publikum 25 Songs und etliche politisch unkorrekte Ansagen um die Ohren, zuvor heizten als Support Audio 88 & Yassin an diesem eisigen Novemberabend den Besuchern ein.

Das Berliner Hip-Hop-Duo machte in ihrer halbstündigen Spielzeit einen astreinen Job und kam bei den K.I.Z.-Fans sehr gut an. Besonders Schellen, ihr musikalischer Rundumschlag gegen Nazis, Aluhutträger, besorgte Bürger, Frauenfeinde und sämtliche Kleingeister, wurde gefeiert und textsicher mitgerappt. Zudem zettelten Audio88 & Yassin ein Happy Birthday-Ständchen für Maxim von K.I.Z. an, bevor sich die Protagonisten dann selbst die Ehre gaben.

Maxim erklärt den Kreislauf des Geldes (Foto: Marinus Seeleitner)

Maxim erklärt den Kreislauf des Geldes (Foto: Marinus Seeleitner)

Natürlich schafften es viele Songs des aktuellen Nummer-1-Albums Hurra, die Welt geht unter (hier gehts zur Rezension) in die Setlist. Tracks wie Ehrenlos, Käfigbett, Ariane oder Verrückt nach dir fügen sich nahtlos in das gewohnte K.I.Z.-Liveprogramm ein. Äußerst lobenswert war auch die Performance des kapitalismuskritischen Geld, was nicht nur dank beschwingtem Beat, sondern auch durch den Einsatz von Spielgeld-ballernden Konfettikanonen für gute Laune sorgte.
Boom Boom Boom und Hurra, die Welt geht unter, die Singles des neuen Albums, wurden gegen Ende des Sets zum Besten gegeben und waren dort auch bestens aufgehoben. Dass diese beiden Songs zukünftige Kannibalen-Klassiker werden, dürfte sicher sein. Eigentlich sind sie es jetzt schon.
Und auch der gemeinsame Track mit Audio 88 & Yassin Was würde Manny Marc tun, welche dafür natürlich nochmal auf die Bühne kamen, ist ein absolutes Highlight. Die Ambivalenz zwischen heftiger Thematik und Ballermann-Refrain wirkt live mit ausrastendem Publikum noch sehr viel eindrucksvoller. Ein Meisterstück der vier Berliner.

Die Abteilungsleiter der Liebe (Foto: Marinus Seeleitner)

Die Abteilungsleiter der Liebe (Foto: Marinus Seeleitner)

Aber auch älteres Material, wie Spasst, Geld Essen oder Urlaub fürs Gehirn, hat nichts an seiner Genialität eingebüßt und verwandelte die Menge in eine pulsierende Einheit. Noch wilder ging es dann nur bei der vertonten Pogo-Aufforderung Ellenbogengesellschaft zu, auch wenn die Pippi-Langstrumpf-Hommage Ein Affe und ein Pferd nahe herankam.
Emotional wurde es mit Abteilungsleiter der Liebe, als die drei rappenden Führer Maxim, Tarek und Nico die Bühne verließen und sich hinter Rednerpulten positionierten, welche auf dem Oberrang des Haus Auensees aufgebaut wurden. Von dort predigten sie für Mitgefühl und Verständnis für Arbeitgeber, welchen eine Kündigung bekanntermaßen mehr weh tut, als den Betroffenen. Ein Meer aus Feuerzeugen sah das genauso.

Zwei Viertel der Taka-Tuka-Miliz: Tarek und Nico (Foto: Marinus Seeleitner)

Zwei Viertel der Taka-Tuka-Miliz: Tarek und Nico (Foto: Marinus Seeleitner)

Ein K.I.Z.-Konzert ist im Grunde schwer zu beschreiben, man muss es selbst miterlebt haben. Dass man bei den wohl intelligentesten Proll-Rappern Deutschlands nicht zartbesaitet sein sollte und selbst schwerste Themen mit einem Augenzwinkern aufnehmen muss, ist ja hinlänglich bekannt. Doch an diesem Abend in Leipzig gab es selbst für alteingesessene Fans einen Moment, bei dem das Lachen ein wenig im Halse stecken blieb. Die Frage „Wer hat Bock auf einen Anschlag, bei dem einige von euch draufgehen, aber wir nicht?” wurde daher nicht mit dem frenetischen Gegröle beantwortet, wie bei jedem anderen Schabernack, das ist aber nun einmal die Art und Weise, wie K.I.Z. auf schreckliche Gegebenheiten reagiert. Und vielleicht ist diese Konfrontation mit den Ängsten, die momentan unbewusst in einigen Konzertbesuchern lauern, sogar der richtige Weg. K.I.Z. werden jedenfalls niemals ein Blatt vor den Mund nehmen und das ist auch gut so.

Hier gehts zu weiteren Fotos des Abends.

Setlist:
1. Duhastaufdeinemkokaturndeinegeistigbehinderteschwestergeficktmucke
2. Urlaub fürs Gehirn
3. Geld
4. Da geht was
5. AMG Mercedes
6. Ehrenlos
7. Ich bin Adolf Hitler
8. Spasst
9. Das Kannibalenlied
10. Abteilungsleiter der Liebe
11. Glücklich & Satt
12. Käfigbett
13. Geld Essen
14. Nagellackentfernerfotze
15. Ellenbogengesellschaft
16. Ein Affe und ein Pferd
17. Ariane
18. Verrückt nach dir
19. Neuruppin
20. Wir
21. Was würde Manny Marc tun (feat. Audio 88 & Yassin)
22. Boom Boom Boom
23. Walpurgisnacht
24. Hurra, die Welt geht unter
25. Hurensohn (We are the World)

(Marinus Seeleitner)

Liked it? Take a second to support Anne Catherine Swallow on Patreon!
©Sound Infection 2015